Der vermutlich wichtigste Schlüssel zu einer funktionierenden Gesellschaft

Was, wenn Sie den tatsächlichen Schlüssel zu einer Welt kennen würden, die weniger gewalttätig und weniger menschenfeindlich ist? Würden Sie ihn benutzen wollen?

Hm, was aber, wenn der Gebrauch dieses Schlüssels überhaupt nicht hip oder cool ist, sondern gänzlich undramatisch, aber unbequem und anstrengend?

Erst mal ein paar Behauptungen:

Wenn wir eine menschliche Gesellschaft wollen, sollten wir als Erstes damit aufhören, Kinder zu traumatisieren, und allgemein darauf achten, dass Kinder so wenig wie möglich Opfer von Traumata werden.

Die Traumatisierung von Kindern ist die Grundlage für eine Gesellschaft, die durch Gewalt beherrscht wird.

In diesem Artikel geht es um folgende Punkte:

  • Bescheidene Gedanken zum Thema: Was ist das Problem und wie äußert es sich?
  • Welche Wirkungen hat Gewalt gegen Kinder?
  • Was kann jeder Einzelne tun?

Meine eigenen bescheidenen Gedanken zum Problem

Es wird viel über politische Lösungen diskutiert. In Deutschland geht es vor allem darum, wem man (mit Gewalt) etwas wegnehmen sollte, und wem man es geben sollte. Dabei ist vor allem wichtig, wer mit seinem Ansatz „recht hat“.

„Nächstes Jahr werden wir Ernos Nase klauen! Politische Lösungen funktionieren nicht!“
(Woody Allen)

Was, wenn alle unrecht haben?

Die menschliche Geschichte beweist zwei Dinge:

  1. Niemand hat die perfekte Lösung
  2. Gewaltanwendung macht fast alle Probleme schlimmer, nicht besser

Und bis heute beobachten wir zwei Phänomene:

  1. Jemand stellt sich nach vorne und behauptet, er hätte die perfekte Lösung. Eine große Anzahl Leute folgt ihm
  2. Eine große Menge Leute ist bereit, im Dienste der vermeintlich richtigen Lösung Gewalt anzuwenden

Und was wird vorgeschlagen, um die Probleme zu lösen, die durch Gewalt erzeugt wurden? Mehr Gewalt!

Gewalt ist das grundlegende Betriebssystem der „Zivilisation“ geworden.

Wir haben gelernt, dass „Autoritäten“ (lateinisch für „arme Würstchen mit Profilneurose“) recht haben bzw. uns wehtun, wenn wir ihnen nicht zustimmen. Deswegen können Leute in teuren Anzügen auf Podien stehen und den größten Unsinn verzapfen, während wir dumpf nicken.

Ein Mensch, der als Kind nicht misshandelt wurde, wird kein Neonazi. Er wird auch kein „Sozialschmarotzer“.

Trauma als hypnotische Induktion

Die Traumatisierung als Kinder führt überhaupt erst dazu, dass es so leicht ist, uns zu hypnotisieren. Sie führt dazu, dass es immer noch Milliarden Menschen gibt, die bereit sind, Gewalt als „Problemlösung“ zu akzeptieren.

Wenn Gewalt als Lösungsversuch benutzt wird, sind viele von uns entweder dafür oder stehen dumpf daneben. Viele von uns sind mit dem Erleben aufgewachsen, dass Gewalt „normal“ ist. Dieses Grundgefühl schlägt jegliche rationale Betrachtung.

Dies ist wohl auch ein Grund, warum es überhaupt möglich ist, dass Medien Inhalte verbreiten, die bei näherer Betrachtung haarsträubender Unsinn sind.

Die Gesamtdiskussion ist nicht deshalb irrational, weil der Mensch grundlegend irrational ist.

Wir verhalten uns irrational, weil wir durch Gewalt traumatisiert sind und weil deshalb eine rationale Betrachtungsweise zu schmerzhaft wäre.

Rationalität ist unbequem

Bei einer rationalen Betrachtung stößt man oft auf die realen Probleme, nicht die eingebildeten und die vorgeblichen. Nicht auf die, mit denen windige Politiker ihre Macht auf zweifelhafte Lösungen aufbauen wollen, sondern die tatsächlichen Probleme. Und die tatsächlichen Probleme sind unbequem und schmerzhaft.

Außerdem erfordert Rationalität ein Mindestmaß an innerer Ausgeglichenheit. Wenn diese in der Kindheit massiv unterminiert wurde, ist eine rationale Auseinandersetzung mit egal was sehr schwierig.

Wer in extremer emotionaler Spannung lebt, KANN ausgeglichene und rationale Argumente nicht hören und verarbeiten. Erst muss die Spannung verarbeitet werden.

Rationalität führt oft zur Notwendigkeit, einzusehen, dass ich unrecht habe oder einen Standpunkt relativieren sollte. Für den verletzten Menschen ist Unrecht haben aber nicht zu ertragen.

Ich weiß nicht, ob es ein menschliches Leben ohne Schmerzen geben kann oder auch nur geben sollte. Ich halte es aber nicht für sinnvoll, wehrlosen Mitmenschen zusätzliche unnötige Schmerzen zuzufügen.

Wer dazu beitragen will, dass es weniger Schmerz in der Welt gibt, muss zuerst bereit sein, seinen eigenen Schmerz zu fühlen. Da gibt es keinen realistischen Umweg.

Welche Formen von Gewalt gegen Kinder gibt es?

Die Internetseite gewalt-gegen-kinder.de definiert:
„Kindesmisshandlung ist eine nicht zufällige (bewusste oder unbewusste) gewaltsame körperliche und/oder seelische Schädigung, die in Familien oder Institutionen (z. B. Kindergärten, Schulen, Heimen) geschieht, und die zu Verletzungen, Entwicklungsverzögerungen oder sogar zum Tode führt, und die somit das Wohl und die Rechte eines Kindes beeinträchtigt oder bedroht.“

Darauf folgt eine Liste von Formen der Gewalt:

  • Körperliche Gewalt
  • Seelische Gewalt
  • Vernachlässigung
  • Sexuelle Gewalt
  • Cybermobbing

Auch emotionale Vernachlässigung ist also eine Form von Gewalt.

Laut Polizeistatistiken wurden im Jahre 2013 in Deutschland 153 Kinder getötet. 4.051 Fälle von körperlicher Misshandlung von Kindern unter 14 Jahren wurden angezeigt. Das BKA vermutet eine deutlich höhere Anzahl von Fällen, die nicht angezeigt werden.

Welche Auswirkungen hat Gewalt gegen Kinder?

Abgesehen von sofortigen Reaktionen auf Gewalt, wie Schreien, Weinen, Wut und Angst, gibt es langfristige Auswirkungen, wie z.B. innerer Rückzug, depressive Verstimmungen, übermäßige Angstreaktionen, Selbstverletzungen verschiedenster Art, reduziertes Selbstvertrauen, usw.

Diese Auswirkungen sind durch zahlreiche Studien belegt.

Kinder, die Gewalt erlitten haben, sind auch eher körperlich gewalttätig gegen andere Kinder und als Erwachsene gegen andere Erwachsene. Manchmal quälen sie auch Tiere.

Der kanadische Internetradio-Host Stefan Molyneux hat sich um das Thema extrem verdient gemacht, indem er mehrere ausführliche, wissenschaftlich fundierte Präsentationen zum Thema zusammengestellt hat, siehe unter bombinthebrain.com

In seinen Shows betont er immer die fundamentale Rolle der Traumatisierung von Kindern für die Entwicklung der Gesellschaft.

Die Techniker Krankenkasse hat einen sehr guten Leitfaden zum Thema herausgegeben.

Was passiert OHNE Misshandlung?

Für mich der interessanteste Ansatz zum Thema stammt von der amerikanischen Autorin Jean Liedloff. In ihrem „Continuum Concept“ erläutert sie, dass Kinder angeborene biologische Erwartungen haben. Wenn diese nicht erfüllt werden, ist das ein Beginn von Trauma.

Der für mich wichtigste Gedanke dabei war, dass Kinder oft als Widersacher betrachtet werden, die man formen und anpassen muss. Sie werden nicht als Mitmenschen gesehen, die bereits von sich aus lernen wollen und zur Gemeinschaft beitragen wollen. Das wäre aber die biologisch korrekte Betrachtungsweise.

Im Laufe der Jahre fertigte ich ein paar Übersetzungen von Radio-Interviews und Videos für die deutsche Organisation der Liedloff-Anhänger. Dafür wurde ich zu ein paar Veranstaltungen eingeladen.

Ich war von den Socken, wie freundlich die Kinder miteinander umgingen, die eine Erziehung im Geiste des Continuum Concept genossen hatten. Völlig anders als das dauernde Schubsen, Schlagen und Kreischen, das ich aus meiner eigenen Kindheit kannte.

Kinder von einigen Freunden, die ich seit den 90ern kenne, setzen sich bei Konflikten mit ihren Freunden zusammen und lösen Probleme ohne Zwang.

Was kann der Einzelne tun?

Wer eigene Kinder hat, kann natürlich selbst üben, immer weniger Gewalt anzuwenden und eine konstruktive Beziehung aufzubauen.

Nach meiner Erfahrung ist direkte Konfrontation der Eltern, besonders in der Öffentlichkeit, nicht die beste Idee, und kann sogar dazu führen, dass sie ihre zusätzliche Wut wieder an den Kindern auslassen.

Professionelle Sozialarbeiter wissen, dass Eltern gewöhnlich aus Schwäche Gewalt gegen ihre Kinder anwenden und versuchen deshalb eher, die Eltern zu stärken.

Ein Konzept, das mir sehr gut gefallen hat ist das des „Wissenden Zeugen“ nach Alice Miller.

Grundidee des Wissenden Zeugen ist, wenn ein Kind mitbekommt, dass es wenigstens einen Menschen gibt, der die Ungerechtigkeit und Gemeinheit der Situation erkennt, dann kann das Kind sich später aus der Gewaltspirale befreien, weil es versteht, dass Gewalt unmenschlich ist.

Für mich selbst war die Wissende Zeugin vor allem meine Tante Meike.

Dadurch, dass mir die Ungerechtigkeit meiner Situation gespiegelt wurde, musste ich die Gewalt nicht übernehmen, sondern konnte meine eigene Perspektive entwickeln.

Solange die Traumatisierung von Kindern weitergeht, werden wir keine menschliche und gesunde Welt haben.

Ein wichtiger Teil, eine Alternative zur Gewalt-Gesellschaft zu schaffen, wird also sein, die Gewalt gegen Kinder zu reduzieren, so weit wie möglich.


Am Anfang war Erziehung

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Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.
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