Ich war 14 und aufgewachsen in der Gewissheit, dass Strafen gerecht bemessen werden sollten, verhängt von weisen Menschen, die Verhältnismäßigkeiten genau abwägen können.

Die letzten 14 Jahre meines Lebens waren ein klarer Beweis, dass das selten funktioniert. Aber wie das so ist mit Fakten: Lieber ignorieren und stattdessen emotional reagieren.

Nass vor und hinter den Ohren

Ich war mal wieder auf einem dieser pädagogisch wertvollen Urlaube.

„Wir haben diesem blöden Trottelkind immer wieder gesagt, dass es ein blödes Trottelkind ist. Jetzt macht es uns immer wieder Schwierigkeiten! Wir verstehen nicht, warum! Ihr professionellen Erzieher, repariert das mal, damit wir wieder unsere Ruhe haben!“

So ungefähr die Prämisse. Die Reparatur funktionierte meines Wissens nie.

In diesem Fall war es ein Heim im Allgäu, wo die Erzieherinnen tatsächlich menschliche Züge hatten und sich sogar erinnern konnten, dass sie selbst mal Kinder waren. Es gab auch keinen religiösen Fanatismus, und die Damen nahmen das Leben mit Humor.

Kein Dampf gemacht fürs Dampfmachen

Ich war beim Duschen, und in einer anderen Dusche stand Heiko, der glaube ich 11 war. Wir unterhielten uns. Vielleicht war es irgendetwas, was ich sagte, ich weiß es bis heute nicht, aber plötzlich wurde er extrem wütend und frustriert.

Er drehte das Wasser in allen Duschen auf und ließ es laufen.

Als die gute kleine Petze, die ich war, rannte ich sofort zur Heimleiterin und schwärzte einen kleineren Jungen an, der mich wahrscheinlich als Freund betrachtete.

„Der Heiko hat einfach alle Duschen aufgedreht und lässt das Wasser laufen!“

Die Heimleiterin sah auf. „Hat er das?“

Wir gingen zu den Duschen, ich mit geballten Fäusten und feixend. Heiko würde BESTRAFT werden! Er hatte eine Regel verletzt!

Heiko saß auf der Fensterbank, immer noch nackt. Die Duschen liefen und der Dampf waberte durch den Raum. Ich blieb vor der offenen Tür stehen und schaute zu, in Erwartung eines dramatischen Spektakels.

Die Heimleiterin setzte sich neben Heiko. Etwa zwei Minuten lang saß sie einfach da.

Ich vermeinte, eine Taktik zu erkennen, die ich kannte. Beschäme den Sünder und lasse ihn in seinem eigenen Sud schmoren, bis er heult, dann schlage und beschimpfe ihn.

Aber: Nichts dergleichen.

Irgendwann sagte die Heimleiterin zu Heiko: „Du hast keinen besonders guten Tag heute, was?“

Die beiden saßen noch eine Weile schweigend nebeneinander. Irgendwann sprang Heiko von der Fensterbank und drehte das Wasser in allen Duschen ab.

Ich war außer mir. Wie konnte sie ihm das durchgehen lassen! Ich wurde für viel kleinere Vergehen zuhause bestraft, beschämt, beschimpft, öffentlich dem allgemeinen Gelächter der Erwachsenen ausgesetzt.

Heiko nahm seine Kleidung, die Heimleiterin legte eine Hand auf eine seiner Schultern, und die beiden gingen zu seinem Zimmer.

Ich postierte mich vor der Tür und hoffte, wenigstens jetzt Schläge und Schmerzensschreie zu hören, oder doch wenigstens demütigende Beschimpfungen und Weinen.

Aber: Nichts. Die Heimleiterin ging einfach schweigend in ihr Büro zurück.
Ich brauchte etwa 20 Jahre, um zu erkennen und zu schätzen, wie weit die Heimleiterin ihrer Zeit voraus war und was sie für Heiko getan hatte, und für mich, indem sie sich so verhalten hatte.

Als ich später mit einem Kumpel erwischt wurde, wie wir einen unerlaubten Ausflug ins Dorf machten, nahm die Heimleiterin es mit Humor und fuhr uns zurück zum Heim. Interessanterweise hatte ich in dem Fall kein Problem damit, nicht bestraft zu werden.

Bestrafung MUSS sein !! (???)

Als Kind lebte ich in dem festen Glauben, dass Bestrafung sein MUSS.

Ich hatte keinen Funken Verständnis für Freunde, die verbotene Dinge taten und dann über die Schläge weinten, die sie kassierten. Sie wussten ja schließlich, dass sie etwas Verbotenes taten.

Mehr Verständnis hatte ich für diejenigen, die für etwas bestraft wurden, das sie nicht getan hatten. Das war mir auch öfter passiert.

Bestrafung: Perspektive einer Bestrafenden

Im Laufe meines sündigen Lebens traf ich 2003 unter anderem auf eine ganz wundervolle Dame, die bei einer Staatsanwaltschaft in einer deutschen Großstadt Tötungsdelikte bearbeitete.

Sie betrachtete jeden Tag Fotos von Verbrechen, wo mir schon von der Beschreibung übel wurde.

Sie war der am wenigsten verurteilende Mensch, der mir bis dahin je begegnet war. Wann immer etwas zur Sprache kam, das bei vielen Menschen verurteilende Reaktionen auslöst, meinte sie nur „Ach naja, das sind halt neurotische Verurteilungen…“

Sie hatte es etwas eher gecheckt als ich.

From inside the machine

Zu jener Zeit schwante mir bereits, dass Bestrafung in vielen Fällen nichts bringt.

Ich fragte also meine Urlaubsfreundin, nachdem sie etwa 10 Jahre damit verbracht hatte, Menschen einzusperren, was sie generell vom Konzept der Bestrafung hielte.

Sie lachte. „Hahaha, Bestrafung! Völlig absolut nutzlos! Du verwaltest nur das Elend. Es hilft gar nichts. Wenn Du überhaupt irgendetwas erreichen willst, brauchst Du Prävention. Darum arbeite ich in einem Präventionsprojekt für Jugendliche. Aber Du musst sie im Programm haben, bevor sie älter als 15 sind. Dann ist vorbei.“

Und das von einer Frau, die lange mitten im System arbeitete und die inzwischen in einer sehr hohen Position war.

Aber die miesen Dreckschweine müssen bestraft werden!

Müssen sie das?

Ist das wirklich eine sinnvolle Herangehensweise?

Oder ist das, wie bei mir, eine neurotische Reaktion aus verdrängtem Schmerz heraus?

Lebt die Menschheit in einem Angst-Alptraum, aus dem sie nur langsam erwacht?

Oder bin ich nur ein lasches Hippie-Weichei, das aus dem Genpool entfernt werden sollte, wie im April 2017 jemand auf Facebook vorgeschlagen hat?

Schauen wir mal auf die Fakten.

Wer die Fakten nicht will, kann gerne wieder in den Sandkasten gehen und mit Sandkuchenformen werfen. Das hat schon immer Konflikte in produktiver Weise gelöst.

Meine Frau ermahnt mich immer wieder, dass viele Leute solche Witze nicht verstehen. Also, dass Kuchenformenwerfen irgendetwas löst, das ist ein WITZ. Das löst gar nix.

Bestrafung der Täter oder Schutz der Opfer?

Bestrafung soll zum einen Täter abschrecken und zum anderen ein Bedürfnis nach Rache befriedigen.

Für mich steht im Vordergrund, dass die Opfer geschützt werden. WENN also harte Bestrafung dafür sorgt, dass Opfer besser geschützt werden, bin ich dafür.

Die Tatsachen scheinen aber in eine andere Richtung zu weisen.

Korrelation zwischen Art der Bestrafung und Kriminalität?

Ich beziehe mich hier teilweise auf Geschehnisse in Norwegen, verwende aber nicht die exakte norwegische Schreibweise.

Ich kam wieder auf das Thema durch den hochinteressanten youtuber Thoughty2, der eine Präsentation über den norwegischen Strafvollzug hielt.

Beim Anblick der norwegischen Gefängniszellen lachte ich laut auf. Die sehen wirklich aus wie sehr gepflegte Hotelzimmer.

Das wurde so erklärt, im weitläufigen Norwegen geht man davon aus, einem Menschen die Bewegungsfreiheit zu nehmen, genügt bereits als Bestrafung. Man muss nicht noch zusätzlich erbärmliche Unterbringung und Vergewaltigung durch Mitgefangene oben drauf packen.

Auch „Kriminelle“ werden als Mitmenschen betrachtet. Mitmenschen, die einen Fehler gemacht haben und nun Gelegenheit erhalten, sich zu besinnen.

Selbst Andreas Breivik, der 77 Menschen ermordet hat, wurde vom Justizsystem weiterhin als Mitmensch behandelt. Geradezu unfassbar für mich war das Bild, wo der Richter Breivik anlächelt und dem Verurteilten die Hand schüttelt, wie es in norwegischen Gerichtsverfahren Standard ist.

Allerdings wird Breivik voraussichtlich trotzdem sein Leben lang in Gefangenschaft bleiben. Er wurde verurteilt zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Da Norwegen nicht in der EU ist, wird die Sicherungsverwahrung wohl auch durchgesetzt.

Die Insel der Gefangenen

Höhepunkt der Präsentation war der Abschnitt über die Insel Bastoy, das Gefängnis mit den niedrigsten

Gefängnisinsel Bastoy in Norwegen

Insel Bastoy – mit dem Zaun könnte man kaum Hühner gefangen halten

Sicherheitsvorkehrungen weltweit.

Auf einer hübschen Insel befinden sich ca. 120 Gefangene, die von 5 (in Worten: FÜNF) Wärtern beaufsichtigt werden.

Der Umgang zwischen allen Beteiligten scheint sehr kollegial und locker zu sein.

Recherche zu Rückfallquoten

Im Mai 2017 habe ich eine sehr grobe und oberflächliche Recherche zu Rückfallquoten von Straftätern durchgeführt, insbesondere im internationalen Vergleich.

Natürlich variiert die Quote nach Art der Straftat. Natürlich gibt es eine ganze Reihe weiterer Variationen.
Eine weitere Frage ist, wie sehr wir offiziellen Statistiken vertrauen sollten.

Das deutsche Bundeskriminalamt stellt sehr differenzierte Daten zur Verfügung. In anderen Ländern findet man nicht so schnell so detaillierte Angaben.

Was mich überrascht hat, zu den Niederlanden habe ich wenig gefunden.

Die von mir recherchierten Zahlen sind grob, ungefähr und nicht sehr differenziert. Es ist ein erster Versuch, mich dem Thema zu nähern.

 

 

 

Rückfallquote in Norwegen

Je nach Quelle liegt die Rückfallquote für Straftäter in Norwegen bei 18%, 20% oder 23%.

Wenn die Zahlen ungefähr stimmen, dann hat Norwegen eine der geringsten Rückfallquoten weltweit.

Der einzige Staat, der eine noch niedrigere Rückfallquote aufwies, war vermutlich das mittelalterliche Japan. Die Rückfallquote betrug 0%. Warum? Auch kleinste Vergehen wurden mit der Todesstrafe geahndet. Wiederholungstat war also nicht drin.

Könnte es einen Zusammenhang geben zwischen der Art der Bestrafung und der Rückfallquote?

Rückfallquote in den USA

Die Rückfallquote in den USA wird allgemein mit ca. 70% angegeben.

In den USA sitzen im Verhältnis zur Bevölkerung mehr Menschen im Gefängnis als in irgendeinem anderen Staat.
In den USA werden Karrieren im Justizsystem unter anderem bestimmt von der Anzahl der Verurteilungen, die jemand erreicht hat. So freut sich jeder Staatsanwalt über eine arme Großmutter, die irgendwo einen kleinen Formfehler gemacht hat. Hauptsache verknacken, wegen was auch immer.

lethal injection chamber, US gov

Die einzige Option, Rückfälle gänzlich auszuschließen: Die Todesstrafe

Wenn Opa in einem der US-Staaten vergessen hat, seinen Rasen zu mähen, kann er verknackt werden. Die Verknacker sammeln Karrierepunkte.

Tom Mesereau, Verteidiger von Michael Jackson, schilderte eine Begebenheit bei Gericht, wo eine drogensüchtige Teenagerin einen Ladendiebstahl gestanden hatte und wo das Team der Staatsanwaltschaft High-Fives austauschte. Wieder eine Verurteilung!

Bei allen Kennzahlen, auf deren Basis Mitarbeiter befördert werden, lohnt es sich nachzudenken, wie nützlich diese Kennzahlen sind.

Rückfallquote in Deutschland

Um in Deutschland überhaupt im Gefängnis zu landen, muss man schon Einiges anstellen. Jedenfalls mehr als ein Kaugummi zu klauen.

Nach allgemeinen Angaben liegt die Rückfallquote in Deutschland etwa bei 50%, bei Tötungsdelikten bei fast Null, bei „kleineren“ Vergehen um die 70%.

Rückfallquote in der Schweiz

Die Schweiz hat insgesamt etwas weniger Gesetze, gegen die man verstoßen könnte.

Die allgemeine Rückfallquote liegt um 38%. Auch in der Schweiz: Bei Tötung um Null, mindere Vergehen höher.

Und jetzt? Alle freilassen, gemeinsam Lieder singen, und alles wird gut?

Als ich meine Recherchen für diesen Artikel begann, dachte ich, ich könnte eine direkte Korrelation finden zwischen „nachsichtiger“ Bestrafung und niedriger Rückfallquote sowie weniger Opfern von Verbrechen.

Eine absolute Korrelation habe ich nicht gefunden, nur generelle Tendenzen. Was sicherlich hilft, ist eine faktenorientierte, erfahrungsbasierte Herangehensweise, die ihre Erkenntnisse aus tatsächlichen Ergebnissen gewinnt und nicht aus neurotischen Projektionen.

Eine Angstneurose, die sich in Rachewünschen ausdrückt – agiert von der „tough on crime“ Fraktion – wird genau so wenig produktiv funktionieren wie meine eigene Neurose, die am liebsten harte Auseinandersetzungen vermeidet und keine harten Konsequenzen ziehen will.

Die Staaten, die „tough on crime“ sind, haben tendenziell mehr Kriminalität, mehr Gewalt und höhere Rückfallquoten. Die Staaten dagegen, die mehr an Prävention und Reintegration arbeiten, haben weniger Kriminalität, weniger Gewalt und niedrigere Rückfallquoten. Und auch dort gibt es weiterhin Raub, Mord, Diebstahl und Wiederholungstäter.

Wie bereits an anderer Stelle festgestellt:

Wenn ich dazu beitragen will, dass es weniger Schmerz in der Welt gibt, muss ich vorher zumindest meinen eigenen Schmerz anerkennen. Alles andere führt bestenfalls im Kreis.

Das korrespondiert mit einer der Definitionen von Neurose: Echten Schmerz vermeiden, stattdessen ausweichen auf dramatische Nebenschauplätze.

Eine „liberale“ Einstellung zum Strafvollzug wird nur dann funktionieren, wenn ein großer Teil der Bevölkerung diese Einstellung teilt und findet, dass Integration wichtiger ist als Bestrafung. Und dann muss diese Integration auch pro-aktiv betrieben werden.

In den deutschsprachigen Ländern Europas leben nach meinem Eindruck bereits viele Menschen, die auch so denken, fühlen und handeln. Und auch hier haben wir, wie im überwiegenden Rest der Welt, solche, die emotional bestenfalls drei Jahre alt sind und vor Schmerz brüllen. Leider tun sie das überwiegend auf dramatischen Nebenschauplätzen und nicht dort, wo das Brüllen hingehört.

Andere Ansätze: Differenziert und faktenbasiert

Professor Hannes Spengler von der Fachhochschule Mainz sagt, es kommt eher darauf an, dass Täter überhaupt verurteilt werden, nicht so sehr auf die Härte der Strafe. Wenn ein Täter ziemlich sicher sein kann, dass er erwischt und bestraft wird, ist der Anreiz zur Straftat geringer, weil die persönlichen „Kosten“ höher sind.

Resozialisierungshelfer Bernd Maelicke schlägt eine differenzierte Herangehensweise vor. Er war selbst als Jugendlicher „kriminell“, hatte dann aber das Glück, dem Milieu schnell genug zu entkommen. Er schreibt, wir können nicht alle resozialisieren, aber sehr viele. Wir können keine absolute Sicherheit schaffen, aber sehr viel mehr Sicherheit.

Und, ja, es wird auch weiterhin diejenigen geben, die sich über die Nachsicht des Systems freuen und denken „Ist ja super, Verbrechen zahlt sich aus!“ Wie viele sind das? Alle? Wenige? Sehr wenige?

Allein die Tatsache, dass die Rückfallquote bei extremen Gewaltverbrechen in den meisten Fällen sehr gering ist, führt mich zu der Annahme, der Vorschlag „Für immer wegsperren, das Gesocks!“ bringt keine nachhaltige Verbesserung und keinen besseren Schutz der Gesellschaft.

Und jetzt?

Eine endgültige Antwort habe ich nicht.

Insgesamt vermute ich, es führt uns alle weiter, wenn wir uns vor allem auf zwei Yoga-Übungen konzentrieren: Das Fassen an die eigene Nase, abwechselnd mit Kehren vor der eigenen Tür. So werden wir nasenbewusster und vor der eigenen Tür wird schon mal mehr gekehrt.

HAVE FUN!

 

Titelbild: MichaelGaida

Foto der Exekutionskammer: US Government, Public Domain

Bild der Insel Bastoy: Norwegisches Nationalarchiv, Public Domain

Grafiken der Staatsflaggen für das Diagramm von openclipart

 

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Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.

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