Sind Porno-Darstellerinnen alle geschädigt?

Gast-Artikel von Alan Smithee

Als ich 11 war, lotste mein Klassenkamerad mich über eine wackelige Leiter in den Dachbereich einer alten Scheune und holte einen Stapel Magazine hervor.

Es waren nach seiner Aussage dänische Porno-Magazine.

Wir blätterten durch die Magazine. Ausgabe um Ausgabe, Seite um Seite war es immer wieder dasselbe: Die Frauen saßen da, mit dem gesamten Innenleben ihrer Vagina herausgezogen so weit es ging, immer mit verzweifeltem Gesicht und erkennbar angeekelt.

Dann kamen Männer dazu, von denen man interessanterweise fast nie das Gesicht sah, meistens nur den Penis, und sie spritzten ihr ins Gesicht.

Am Ende der kleinen Bildergeschichte saß die Frau dann weiter da, das Gesicht aus allen Richtungen mit Sperma bespritzt, weiterhin angeekelt, verzweifelt.

In manchen anderen Bildern waren die Frauen geknebelt und so gefesselt, dass die Seile das Fleisch in Klumpen pressten. Sie wurden an den Haaren gezogen, mit Gürteln aufs Hinterteil geschlagen, und allerlei Gegenstände wurden ihnen in den After gedrückt.

Das hatte nichts zu tun mit freiwilliger Hingabe, mit devotem Genuss. In diesen Magazinen ging es eindeutig darum, Frauen zu beherrschen und zu verletzen, auf ganz plumpe Weise.

Ich dachte damals, wenn das erwachsene Sexualität ist, dann ist das nichts für mich. Das hatte den erotischen Charme eines überfahrenen Igels.

Die Eltern meines Klassenkameraden waren Mitglieder einer fundamentalistischen Sekte.

Als ich mich Jahre später daran erinnerte, dachte ich, kein Wunder, dass Pornografie einen schlechten Ruf hat.

So ein Zeugs ist einfach nur igitt. Wer sollte davon erregt werden?

Was mich bestärkte war mein Eindruck, dass die meisten Erwachsenen um mich herum eher nicht darauf aus waren, Sexualität mit Schmerzen zu verbinden. Also kam ich zu dem Schluss, diese Magazine sind nicht für die Mehrheit, jedenfalls nicht für die Mehrheit, die ich kenne.

Ganz anders: Die Glanz-Pornos der 80er

Wie anders, als ich dann endlich 18 war und mir Pornovideos ausleihen durfte. Es war die hohe Zeit der glanzvollen kalifornischen Pornovideos in den 1980ern.

Die Liebe meines Lebens bleibt Ginger Lynn. Ich glaube, ihr fulminanter Aufstieg ist unter anderem der Tatsache zu verdanken, dass sie aussah wie Meg Ryan, was dann die Phantasien sehr vieler Männer bediente. Meine auf jeden Fall. Ich bin zu keiner anderen Frau auf der Welt öfter gekommen als zu Ginger Lynn, vielleicht mit Ausnahme meiner Freundin 2004-2006, die noch etwas heißer war.

In den amerikanischen Produktionen (interessanterweise zum Teil in Berlin und München gedreht), besonders der Firma RIBU, waren die Frauen meistens kess, selbstbewusst, lustvoll, und vor allem selbstbestimmt.

Tom Byron gab den naiven Jüngling, der von der erfahrenen Frau an die Hand genommen wird.

Die weiblichen Charaktere waren diejenigen, die bestimmten, wann es zur Sache ging, und sie gingen sehr klar darauf los. Nix mit Unterwerfung, nix mit Unterdrückung.

Traci Lords, die sich mit gefälschtem Ausweis mit 16 in das Porno-Business geschlichen hatte, projizierte zumindest eine Ebene von Selbstbewusstsein und Führungsstärke, die bei genauerem Hinsehen nicht mehr echt wirkte.

Ja, natürlich ist das im Alltag nicht realistisch, dass eine Frau einen Mann trifft und nach 5 Minuten bereit zum Sex ist, auch wenn ich sowas schon erlebt habe, aber höchst selten.

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Einige der Clips, die in den 2010ern auf youporn angeboten werden, finde ich dann wieder nicht so schön. Es gibt ein paar Videos von augenscheinlich echten Paaren, die tiefe Freude aneinander haben und ein paar ästhetische, schöne Filme.

Aber ein Frauenkopf in einem schwarzen Netz, an dem heftig gezogen wird, so dass die Haut sich verzieht, mit schmerzverzerrtem Gesicht, nicht mein Ding.

Und was zum Geier ist der Reiz daran, Sex mit Familienmitgliedern zu haben?

Auch bereits in den 1980ern fand ich reichlich Filme, die ich einfach unästhetisch und belanglos fand. Da war nichts Süßes, Freundliches, Romantisches, nur seelenloses Gerammel. Ich bin ein Hippie-Weichei und das ist nichts für mich.

no strangers to intensity

Nur Männer sind heftig im Bett? Und die armen kleinen Weibchen werden unterworfen? Nach meiner Erfahrung nicht.

Wenn die Leidenschaft ausbricht, können nach meiner Erfahrung mit knapp über 50 Frauen auch die Damen ziemlich heftig rangehen.

Frauen haben mich so heftig geknallt, dass ich wirklich dachte, meine Beckenknochen brechen gleich oder mein Schwanz reißt ab.

Sie haben ihr Becken so stark gegen mein Gesicht gehämmert und gedrückt, dass ich immer wieder dachte, gleich bricht sie mir die Nase, oder ich ersticke. Dabei meinen Kopf so fest zwischen den Oberschenkeln eingeklemmt, dass ich befürchtete, da nie wieder rauszukommen.

Leck-Action ist geil.

Beim Küssen haben einige so heftig an meiner Zunge gesaugt als wollten sie dieselbe fressen.

Von einer Dame hatte ich ein Jahr lang sichtbare Druckstellen ihrer Fingernägel an meinem Arm.

Ich fand das alles gut.

Und, es passt für mich nicht zu der Legende, dass nur Männer heftig im Bett sind.

Manche steckten mir auch einen Finger in den Hintern. Ich stehe da drauf. Gurken, Staubsauger oder Fernseher müssen es in meinem Fall nicht unbedingt sein.

Aber was ist jetzt mit dem Schaden?

Das Thema gewann wieder traurige Aufmerksamkeit im Januar 2018, als fünf Porno-Sternchen innerhalb kurzer Zeit starben. Einige Berichterstatter schrieben nur von „Tod“, bei anderen war von Selbstmord die Rede.

Anlass, sich das Thema nochmal anzuschauen.

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Aus Teilen des feministischen Lagers kommen Behauptungen, die Frauen im Porno-Business seien nur dort, weil sie als Kinder sexuell missbraucht wurden. Nur deshalb könnten sie beim Missbrauch im Porno mitmachen. Porno würde Frauen unterdrücken und abwerten, und zwar immer und ausnahmslos.

Die Mitwirkung in Pornos würde zu erhöhter Drogenabhängigkeit führen. Überhaupt Voraussetzung dafür sei ein niedriges Selbstwertgefühl, das durch die Pornos noch weiter verringert würde.

Was vordergründig der Unterdrückung widerspricht ist, dass die Stars im Porno zu über 80% Frauen sind, die auch oft Eigentümerinnen ihres Business sind und zunehmend lernen, sich selbst zu managen.

Wer ist der größte Star der Porno-Industrie in den 1990ern? Ganz klar Jenna Jameson. Sie machte eine Reihe sehr intelligenter Filme mit Handlung und psychologischem Hintergrund. Allen voran „The Masseuse“ und „Last Girl Standing“, bei denen aus meiner Sicht die Sexszenen der am wenigsten interessante Aspekt sind.

Jenna sagt von sich selbst, sie sei in ihrer Kindheit nicht sexuell missbraucht worden, allerdings als Teenager einmal vergewaltigt.

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Wer die Szene offenbar recht unbeschadet verlassen hat, ist Paige alias redheadredemption. Sie macht zwanglose Videos zum Porno-Business, zum Gamen, zu Beziehungsthemen, und erscheint mir dabei recht ausgeglichen und natürlich.

Wahrscheinlich gibt es in der Porno-Branche genau so Fälle von Missbrauch, Unterdrückung und feindseligem Umgang miteinander wie in jeder anderen Branche.

Auch als freiberuflicher Buchhalter kann ich starken emotionalen Missbrauch erleben, insbesondere, wenn ich nicht gelernt habe, mich abzugrenzen. Gewöhnlich bin ich dabei nicht nackt, aber mitunter fand ich das auch ganz schön übel. Intrigante „Kollegen“, darunter Frauen ganz vorne, unfreundliche Chefs und „Führungskräfte“.

Eine Studie behauptet das Gegenteil

Im Jahre 2012 machte eine Studie die Runde, nach welcher die Hypothese, alle Pornodarstellerinnen seien „damaged goods“ nicht zu unterstützen sei.

Die untersuchte Menge war nicht sehr groß, nur 177 Porno-Actricen im Gegensatz zu 177 Frauen außerhalb des Business. Die Altersgruppe rangierte von 18 bis 50. Dabei waren auf beiden Seiten verheiratete, unverheiratete und Single-Frauen und Frauen aus verschiedenen ethnischen Gruppen.

Innerhalb der Testgruppen konnte zumindest nicht bestätigt werden, dass die Pornodarstellerinnen mehr Missbrauch erfahren haben, öfter drogensüchtig sind, sich generell stärker unterordnen oder beim Sex gehemmter sind.

70% der Porno-Darstellerinnen gaben an, ein erfüllendes Sexleben zu haben, aus der anderen Gruppe waren es nur 33%. Die Pornodamen zeigten höheres Selbstwertgefühl, eine positivere Körper-Selbstwahrnehmung und höhere Lebensqualität.

(Zugegeben, das klingt alles etwas global und allgemein. Um zu erfahren, wie diese Bewertungen vorgenommen wurden, müsste man wohl die Studie mit den Rohdaten kaufen.)

Früh übt sich: Die Frauen aus der Porno-Gruppe hatten ihren ersten Sex durchschnittlich mit 15, die anderen mit 17.

Zur Studie gibt es ein kurzes Abstract. Die beste Zusammenfassung der Studie findet sich nach meiner Meinung bei medicaldaily, andere gute Zusammenfassungen bei Greg Laden und Justin Lehmiller.

Erhitzte Debatte, wenig Auseinandersetzung

Für mich ist das so ähnlich wie mit der Debatte über das Impfen und über den Klimawandel: Die meisten Leute haben viel Meinung für wenig Ahnung, und es wird nicht differenziert. Einige kreischen nur ihre Emotionen heraus und labeln jeden als Unterdrücker, der eine andere Sicht auf die Sache hat.

Ebenso wie in der Impfdebatte meistens nicht unterschieden wird zwischen Bakterien, Viren, Retroviren, Prionen, Chlamydien, Hefen, Pilzen und Würmern, wird in der Porno-Debatte ein ästhetischer Film gleichgesetzt mit ekligen Gewalt-Magazinen. Die kommerziell hochwertigen Produktionen werden gleichgesetzt mit Rammelszenen in der Küche. Die schnellebige moderne Gonzo-Porno-Industrie ist dasselbe wie das professionelle, eher gemächliche Business der 1980er.

Natürlich gibt es wirtschaftliche Interessen in der Branche, die vielleicht die eine oder andere Information unterdrücken. Natürlich denke ich manchmal mit meinem Schwanz und will einfach geilen Porno sehen, egal, was für Konsequenzen das hat.

Ebenso natürlich kommt es vor, dass verletzte Menschen Dinge projizieren und übertreiben.

Hot Girls Wanted – for a short time

Wirklich problematisch finde ich, wenn ganze Heerscharen von 18jährigen Mädchen in die Pornobranche streben, weil sie sich Anerkennung und Geld erhoffen, bevor sie im Entferntesten abschätzen können, was auf sie zukommt.

Dies ist gut dokumentiert in dem Film „Hot Girls Wanted“, wo mehrere sehr junge Frauen in die Porno-Industrie in Florida kommen. Bei den meisten werden ihre Erwartungen enttäuscht. Teilweise liegt dies an ihrem mangelnden Geschäftssinn (woher auch mit 18), teilweise an den Mechanismen einer Industrie, die gezielt darauf aus ist, die Frauen schnell durchzutauschen.

Männer mit etwas mehr Lebenserfahrung nutzen die mangelnde Erfahrung der Mädchen aus und verschachern Produktionen, die mit heißer Nadel zusammengeworfen werden, für ein paar Groschen.

Und was jetzt? Ein gesetzliches Verbot? Wird das die Sache besser machen?

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Porno ist erniedrigend?

Ist die Darstellung nackter Frauen in jedem Fall wirklich erniedrigend?

Manche Frauen haben mich geradezu gedrängt, sie nackt zu fotografieren. Sie wollten gesehen und begehrt werden.

Die Modelle, die ich erlebt habe, fand ich bis auf eine einzige Ausnahme sehr selbstsicher und ausgeglichen.

Subjektivität ist objektiv?

Auf der emotionalen Ebene kommt mir das alles sehr bekannt vor.

Zu meinen Schulzeiten hatte ich absolut überhaupt keine Chance bei Mädchen, nicht die geringste, auch nicht bei denen, die niemand anders wollte. Die waren lieber alleine als mit mir zusammen.

Gleichzeitig sah ich Jungs, die ich als plump empfand, mit den Mädchen knutschen.

Dann war ich beleidigt und war der Meinung, die dumme Gesellschaft sei daran schuld, dass mein Schwanz keine Aufmerksamkeit kriegt. Die dumme böse Gesellschaft ist einfach zu blöd, zu erkennen, wie brillant und großartig ich bin und begünstigt Idioten.

Die Gesellschaft muss verändert werden! Dazu ist auch Gewalt OK, aber nur dann, wenn ich sie ausübe und niemand anders. Denn ich habe ja recht und die anderen nicht.

Oder?

Nein, leider nicht.

Wie ich über die Jahre herausfand, die nach meiner Meinung plumpen Jungs waren überhaupt nicht plump, sondern hatten einfach ein besseres Verständnis von Charme als ich. Und ich verwechselte Selbstsicherheit mit Überheblichkeit und Kompetenz mit Manipulation.

Ich selbst dagegen hatte, und habe immer noch, eine Angstneurose.

Mein gesamtes Sozialverhalten war, wenn man es ganz wohlwollend ausdrücken will, ungeschickt. Einige Leute behaupten, das sei es immer noch.

Und so läuft es oft: Ein paar Menschen sind verletzt, neidisch, traurig, und projizieren auf die Gesellschaft.

Dann ist es an uns, zuzuhören und herauszufinden, welcher Anteil davon bloße Projektion ist und welcher nicht.

 

Titelfoto: solas-ser

 

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Alan Smithee

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Alan Smithee ist ein Künstlername, der auf unserem Blog männlichen Autoren zur Verfügung steht, die anonym veröffentlichen wollen. Die Idee stammt von dem gleich lautenden Pseudonym, welches Hollywood für Regisseure bereit hielt, die sich von der Endfassung ihres Films distanzieren wollten. Das icon ist von openclipart.
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