Gast-Artikel von Arielle

Alexander, Haupt-Autor dieses Blogs, hat mich gebeten, diesen Artikel zu verfassen. Er meinte, sein Zynismus würde sonst „in unguter Weise überhand nehmen“.

Ich habe seinen ersten Entwurf gelesen. Tatsächlich grauenhaft. Also lieber ich.

Als erstes: Ich mag Männer, ich liebe Sex, ich liebe Schwänze. Ich habe viele Liebhaber gehabt und gedenke, auch noch viele zu haben.

An manchen Tagen mag ich wirklich hart durchgehämmert werden. An anderen Tagen will ich mich auf einen bebrillten

Manchmal sind auch Nerds süß. Betonung auf MANCHMAL.

Nerd stürzen, weil er Nietzsche liest und Pearl programmiert. Oder weil er anbietet, mir einen Tee zu kochen, weil ich das in dem Moment so süß finde.

Was ich nicht mag: Plumpe Anmache, ungepflegte Kerle, wenn Druck auf mich ausgeübt wird, Diskussionen über Kondomgebrauch (ohne ist Selbstmord).

Ich bin abgestoßen von dem Hass, der aus manchen Lagern des „Modernen Feminismus“ kommt, nur weil jemand eine Chromosomen-Ecke nicht hat. Unter den Männern gibt es viele gute und genussreiche Exemplare. Und ein paar Arschlöcher, wie überall.

Und wenn es mir mal schlecht geht, ist das nicht in jedem Fall die Schuld eines Mannes.

Zeitmanagement in der Polyamorie

Was ich auch nicht mag ist, so oft Nein zu sagen, wie ich es sage. Es gefällt mir tatsächlich nicht, auf allen Kanälen volle Inboxen zu haben, mit mehr oder weniger eindeutigen Anfragen, auf die ich in den meisten Fällen gar nicht antworten kann, schlicht aus Zeitmangel, und wo ich sonst so gut wie immer Nein sage.

Mit den Jahren habe ich eine schizophrene Haltung zum Neinsagen entwickelt. Aus dem einfachen Grund des Überlebens ist es eine Notwendigkeit, dass ich nach allen Seiten zudringliche Kerle wegbeiße. Innerlich macht es mich fertig, dass ich nicht auf jeden individuell eingehen kann und mich nicht mit jedem auseinandersetzen kann. Aber es geht einfach nicht.

Ja, auch mit 40 erhalte ich immer noch mehr Angebote, als ich bearbeiten kann. Mit 20 hatte ich nicht erwartet, dass es so kommen würde.

Es gibt eine Szene dafür?

Irgendwann mal lief es mir über den Weg, dass es eine echte „Szene“ für Polyamorie gibt. Foren, Stammtische, Internet-Tribes.

Zuerst fühlte ich mich damit unwohl. Wenn ich zu so einem Stammtischtreffen gehe, wird dann gleich etwas von mir erwartet? Was sind das für Leute?

Ich habe nur ein einziges Treffen besucht. Ich fand die Leute dort ganz normal.

Mehr Austausch hatte ich über Facebook und Internet-Foren. Die Leute fand ich auch ganz normal.

Manche machen sich etwas vor, wie überall auf der Welt. Die meisten sind auf der Suche nach einer Beziehungsform, die zu ihnen passt. Ein paar Sexsüchtige sind dabei, aber ich schätze weniger als 1%.

Und so gut wie jedes polyamore Paar erlebt früher oder später das exakt gleiche Problem.

Die Suche nach dem Einhorn der Polyamorie

Machen wir uns nichts vor: Frauen in unserer Kultur haben sehr viel mehr sexuelle Optionen als Männer. Wir bekommen an jeder Ecke Schwanz angeboten, um es mal ganz klar zu sagen. Kleiner, großer, dicker, schmaler Schwanz. Alle Geschmackrichtungen. Viele Männer haben sogar das mit dem Ananassaft gelesen und umgesetzt.

Muskeln und Tattoos. Geil!

Für die Männer ist es in dieser Hinsicht schwerer. Für sie sind andere Dinge einfacher, aber ein Mann, der sexuelle Optionen will, muss schon entweder eines der seltenen Naturtalente sein (vielleicht einer von tausend) oder verdammt viel dafür tun.

Er lernt, „Game“ zu haben, hält sich körperlich in Form, ist ambitioniert, eloquent, gebildet. Oder er hat einfach Muskeln und Tätowierungen.

Männer, die unverpflichtenden Sex wollen, gibt es etwa genau so viele, wie es Männer gibt.

Frauen, die unverpflichtenden Sex wollen, gibt es weniger, und solche, die das vor sich selbst zugeben, gibt es noch weniger. Und ausleben? Jetzt sind wir beim Seltenheitsgrad von Einhörnern angelangt.

Und deshalb werden sie von manchen in der „Szene“ auch Einhörner genannt: Frauen, die einfach nur bumsen wollen.

Natürlich safer. Aber ohne, bevor sein Schwanz noch abgeschwollen ist, auf ebay nach Verlobungsringen zu suchen. Ohne eine formelle „Beziehung“ zu erwarten.

Erwartungen an Erwartungen von Erwartungen

Auch dazu hatte ich zeitweise eine schizophrene Beziehung, oder eher eine multiple Persönlichkeitsstörung mit mehreren Ebenen.

Einerseits wollte ich nie eine eheähnliche Beziehung (ja, mein Verhältnis zu meinem Vater ist gut, liebe Hobbypsychologen; wir telefonieren einmal die Woche).

Andererseits dachte ich, es würde von mir erwartet, eine solche Beziehung zu erwarten.

Aber weil die moderne Frau ja selbständig ist, und zwar lückenlos, ohne biologisch programmierte Verhaltensreste aus der menschlichen Frühzeit, einfach weil das Feministen-Journal es gerade so deklariert hat, meinte ich, die Erwartung an eine Erwartung, die ich nicht hatte, unterdrücken zu müssen.

Also einerseits sollte ich wollen, andererseits nicht. Und ich sollte eine starke Schlampe mit eigenem Willen sein, ganz individuell, weil das Feminismus-Journal das ja für uns alle so vorgegeben hatte…

Also, wenn ich dann Sex aus eigenem Willen habe, sollte ich mich gleichzeitig nicht unterdrücken und benutzen lassen…
Aber Benutztwerden, wenn mir danach ist, ist manchmal halt ziemlich geil… Das darf ich aber nicht sagen, weil das frauenfeindlich ist. Oder nicht?

Was sollte ich denn jetzt genau wollen und was nicht? Noch während ich dies schreibe, beginnt sich wieder alles um mich herum zu drehen. Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich vorhin noch sagen wollte.

Alexander, der sonst hauptsächlich hier schreibt, erklärte mir dann eine kurze Szene aus dem Film „Breakfast Club“, wo ein Mädchen zum anderen sagt: „Wenn Du nicht hast, bist Du eine Zicke, wenn Du hast, bist Du eine Nutte.“ Alexander fragte mich, welchen Sinn das denn machen soll. Wir kamen gemeinsam zu dem Schluss: Es macht keinen Sinn.

The Breakfast Club

Price: EUR 4,99

 

Wir werden bombardiert mit widersprüchlichen Erwartungen, die von den betreffenden Leuten zum Schutz ihrer eigenen Neurosen formuliert werden.

Mit 40 habe ich mich dann weitgehend davon befreit, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Das ist ein schöner und trauriger Ort, der wenig besucht wird.

Die bittere Wahrheit des endlichen Marktwertes

Was auch niemand mehr sagen darf: Ob ich viel und guten Sex kriege oder viel und schlechten, oder wenig und guten

Auch mit über 30 noch heiß… Das bin aber nicht ich.

usw., das hängt vor allem von meinem sexuellen Marktwert ab.

Der Zeitgeist der 2010er versucht krampfhaft, alle gleich zu machen, anstatt einfach nur alle gleichermaßen zu respektieren.

In Zeiten des Mangels ist eine beleibte Figur attraktiv, in Zeiten des Überflusses ist schlank attraktiv. Mit Genen geboren, die zur Fettansammlung neigen, in einer reichen Gesellschaft zu Zeiten des Überflusses? Pech gehabt. Mit einem schnellen Stoffwechsel ausgestattet, in einer armen Gesellschaft, in Zeiten besonderen Mangels? Pech gehabt!

Ich bin mit Schlank-Genen in eine Überflussgesellschaft geboren. Glück gehabt! Das hat nichts mit meinen persönlichen Leistungen zu tun.

Als Frau ist mein Marktwert, dank moderner Ernährung, Medizin und Hygiene, ziemlich lange ziemlich hoch. Bei guter Pflege kann ich vom Alter von 16 bis 45 meine Vorteile ausnutzen. Danach wird’s dann schwierig.

Der Marktwert eines Mannes, der kein Ausnahmetalent ist oder keinen wirklich großen Schwanz hat, ist sehr viel niedriger. Er muss und wird sich extrem einen abbrechen, um bei einer oder mehreren von uns zu landen.

„Ich schätze, eine Frau, die sagt, ein großer Schwanz sei nicht wichtig, hat den gleichen Ausgangspunkt wie eine Frau, die sagt, ein Orgasmus sei nicht wichtig: Sie hatte noch nie einen.“ (Arielle, Hobby-Schlampe)

Er muss die Anforderungen erfüllen, nach denen mir gerade ist. Die wechseln von Tag zu Tag.

Umtriebige Frau lässt das Männchen zuhause

Und wozu führt das alles?

Etliche polyamore Frauen pendeln zwischen ihren verschiedenen Liebhabern, während das Männchen daheim sitzt und verzweifelt versucht, eine Zweitfrau zu finden.

Dabei stößt er auf Scammer, Abzockerinnen und ein paar Angebote, die nicht sehr attraktiv sind.

In dieser Situation befinden sich hunderte polyamoröser Paare.

Besonders die Frauen haben oft gesagt, dass sie dieses Ungleichgewicht als belastend empfinden. Während sie die freie Auswahl haben, bekommt ihr Männe so gut wie nichts ab.

Das ist die Wirklichkeit.

Und was ist jetzt die Lösung?

Und, was tue ich jetzt?

Bumse ich einfach mehr Männer, damit es etwas weniger Frustration in der Welt gibt?

Das wäre ein Ansatz, den ich durchaus erwäge. Ich bin aber noch nicht sicher.

Vielleicht bin ich ein Einhorn.

Für die Männer: Ich kann mir Eure Frustration vorstellen. Ja, es ist schwierig. Und wahrscheinlich bleibt es das auch.



Arielle ist Jahrgang 1977 und Widder mit Aszendent Schütze. Sie arbeitet im Event-Bereich, vorrangig im englischsprachigen Raum. So viele Informationen hat sie uns erlaubt preiszugeben.

Los Bilderos:

Titelbild: ractapopoulos

Nerd-Vektorgrafik: OpenClipart-Vectors

Muskelmann: Von wikimedia commons, Public Domain, da von US Army

Scharfe Frau: 1899441
 
 

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Arielle

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Event-Management bei secret
Arielle ist Jahrgang 1977, Widder mit Aszendent Schütze und arbeitet im Event-Bereich. So viel hat sie uns erlaubt, preiszugeben. Das Profilfoto zeigt nicht Arielle, sondern ist ein Modelfoto, geschossen von claudioscotece.
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