Ein Maximum an persönlicher Freiheit, umgeben von Wasser, Bergen und Wald? Und das alles auf vollständig friedlichem Wege? Ein Plan, der mir gefällt.

Ich stieß irgendwann im Herbst 2015 auf das Free State Project (FSP) Europe, bei meinen Recherchen zu Freistaat-Projekten im Allgemeinen. Was ich zunächst fand, war eine Website, die recht verlassen wirkte, und wo auch niemand meine Fragen beantwortete. Die Seite scheint im Februar 2017 auch bereits abgeschaltet zu sein.

Dann fand ich eine Facebook-Seite, die zu dieser Zeit sehr wenig Aktivität zeigte. Mehrere Postings und Mails von mir wurden nicht beantwortet. (Nach dem Interlibertären Kongress in Lugano im November 2016 nahm die Aktivität deutlich zu.)

Im Sommer 2016 schließlich stellte mir jemand Gilles Laurent vor, der sich um das Projekt kümmerte. Nach ein paar Anläufen vereinbarten wir einen Skype-Termin.

Gilles erklärte mir sehr freundlich und verständlich den Plan für das europäische FSP.

Der Plan: Freundliche Übernahme

Ziel des FSP ist es, mindestens 3.500 liberal gesinnte Menschen im Kanton Ticino anzusiedeln.

Gandria in Ticino

Fischerort Gandria in Ticino, Bild von joduma

Diese würden dann knapp 1% der Bevölkerung des Kantons ausmachen. Laut Wikipedia hatte der Kanton Tessin am 31.12.2015 nur 351.900 Einwohner.

Von den liberal gesinnten Menschen sollten dann ein paar versuchen, soweit rechtlich möglich, in politische Ämter zu gelangen und langfristig immer mehr Regularien abzuschaffen, bis das Ausmaß an staatlicher Gewalt auf ein Minimum reduziert ist.

Die drei Herangehensweisen: Reformation, Neuformation oder Pakt mit dem Imperium

Um ein Territorium mit mehr Freiheit zu erhalten, gibt es im Wesentlichen 3 Modelle:

Die erste ist Reformation. Eine Gruppe sucht sich ein Territorium, das sowieso bereits relativ frei ist und versucht, von innen heraus die Regeln zu ändern, insbesondere zu vereinfachen.

Das FSP Europe geht diesen Weg. Die Schweiz als ohnehin sehr freies Land ist auf dem europäischen Kontinent die logischste Wahl.

Ebenso ist der freieste Staat der USA, New Hampshire, die logische Wahl für das FSP dort.

Der zweite Weg ist Neuformation. Ein Territorium sagt sich gänzlich los von umgebenden Staatsgebieten und gründet eine ganz neue Struktur. Dies wird mit dem Liberland-Projekt versucht, wo die umgebenden Staaten zwar zugestimmt haben, dem Territorium seine Souveränität zu lassen, dies aber zumindest bis Februar 2017 nicht schlüssig eingehalten haben.

Der dritte Weg ist der Pakt mit dem Imperium. Es wird ein Territorium auf einem bestehenden Staatsgebiet gesucht, und entweder gründet der Staat dort selbst Sonderwirtschaftszonen aus, oder eine Gruppe trifft Vereinbarungen mit dem umgebenden Staat.

In den Sonderwirtschaftszonen bleibt das Strafrecht gewöhnlich das gleiche wie im umgebenden Staat, nur das Wirtschaftsrecht wird geändert, meistens dem britischen Wirtschaftsrecht angenähert.

Einen derartigen Weg ist man zum Beispiel für Dubai gegangen, in China für Shanghai, Qianhai und Shenzhen. In Honduras werden seit ein paar Jahren ähnliche Modelle diskutiert.

Das Liberstad-Projekt in Norwegen versucht, nicht nur eine eigene Volkswirtschaft zu etablieren, sondern darüber hinaus ganz eigene Regeln des Zusammenlebens aufzustellen und durchzusetzen.

Warum Ticino? Eine ausgewogene Entscheidung

Fontana in Lugano

Springbrunnen in Lugano, Bild von federico_ghedini

Der Kanton Ticino ist nicht der mit der niedrigsten Steuerbelastung, das wäre Kanton Zug (Stand: Februar 2017). Andererseits sind die Immobilienpreise in Ticino im Gegensatz zur restlichen Schweiz für Ausländer mit ausländischer Kaufkraft gerade noch zu wuppen.

Die Arbeitslosigkeit ist gering.

Zudem ist die Bevölkerung des Kantons so klein, dass bereits eine zahlenmäßig geringe Gruppe einen signifikanten Anteil ausmachen und damit zumindest etwas Einfluss nehmen kann.

Si deve imparare l’italiano. Am Erlernen der italienischen Sprache führt in Ticino kein Weg vorbei.

Für Franzosen, Spanier und für Deutsche, die in der Schule Latein hatten, ist der Weg nicht allzu weit. Für Deutsche gibt es den äußerst charmanten, wundervoll produzierten Video-Kurs namens “Avanti! Avanti!”, der zumindest im Februar 2017 gratis auf youtube verfügbar war.

Kann das funktionieren?

Nach der freundlichen Erklärung von Gilles fasste ich den Entschluss, im November 2016 den Interlibertären Kongress in Lugano zu besuchen. Auf Basis der Stuhlreihen und ihrer Besetzung überschlug ich grob, dass etwa 100 Teilnehmer dort waren.

Das sind nicht viele. Das Projekt hat offenbar noch nicht viel Aufmerksamkeit gewonnen. In einer Welt, wo Leute ständig Begriffe durcheinander bringen, wo eine Diskussion basierend auf Fakten kaum möglich scheint, wo immer noch viele Menschen glauben, der Ruf nach mehr Freiheit solle nur das Bestreben nach mehr Ausbeutung kaschieren (manchmal tut er das ja auch), wo Kapitalismus mit Korporatismus verwechselt wird, ist es auch schwierig, Informationen an den Menschen zu bringen.

Rein von der Sache her erscheint mir das Projekt als machbar.

Die Kantone der Schweiz haben sehr viel Freiheit, Dinge selbst zu regeln. Die Schweiz ist so stark dezentralisiert, dass selbst manche Schweizer den Namen der föderalen Präsidentin (im Februar 2017: Doris Leuthard) nicht kennen, weil sie lokale Angelegenheiten lokal regeln.

Ticino könnte also ein neues Regelwerk erhalten, was noch weniger staatliche Gewalt vorsieht.

In der Schweiz wird es auch bereits genügend Menschen geben, die psychologisch reif genug sind, ein hohes Maß an Freiheit und Eigenverantwortung zu meistern.

Also, machbar, auf jeden Fall.

Leben in der Schweiz

Auf dem „Index of Economic Freedom“ war die Schweiz am 21.02.2017 auf Platz 4 von 180 Staaten gelistet. Zum Vergleich ein paar andere Rankings: Hongkong 1, Australien 5, Estland 6, Deutschland 26, Portugal 77, Griechenland 127, Kuba 178, Nordkorea 180.

Was wir bereits wissen: Die Einkommen in der Schweiz sind höher als in den meisten Staaten der Welt, aber auch die Lebenshaltungskosten sind höher.

Die Schweiz schafft es als einziger westlicher Staat , seinen Bürgern nur etwa 25% ihres Einkommens abzunehmen und dafür eine bessere Infrastruktur zu bieten als Deutschland oder Österreich. (OK, Monaco. Aber ist das wirklich ein Staat? Ich würde sagen, es ist ein großes Immobilienunternehmen mit Einkaufszentrum, mit Sonderrechten.)

Dafür sind Lebensmittel teurer, ärztliche Leistungen, insbesondere Zahnärzte, sind horrend teuer, Mieten sind hoch. Zugfahrten sind im Verhältnis zum Einkommen günstiger als in Deutschland.

Frei und strikt zugleich

Nach meinen Gesprächen mit Deutschen, die in der Schweiz gearbeitet haben, ist für mich der Eindruck entstanden, dass es in der Schweiz weniger Regeln und Regulierungen gibt als in Deutschland, dass die bestehenden Regeln aber hammerhart durchgesetzt werden.

So sollen die Schweizer unerbittlich streng sein, was z.B. Geschwindigkeitsbegrenzungen und Mindestlöhne angeht.

Entspannt und schön

Was mir bei meinen wenigen, kurzen Aufenthalten in der Schweiz besonders auffiel (Zürich, Zug, Kreuzlingen, Basel, Winterthur, Lugano) war, wie viel entspannter die Schweizer auf mich wirkten als die Deutschen.

Mein Eindruck war, dass die Entspannung etwas nachlässt, wenn sie einen Deutschen um sich haben, aber immer noch intensiver ist als auf der deutschen Seite.

Selbst der junge Mann, der mir in Lugano neue Schnürsenkel verkaufte, schien seinen Job wirklich zu mögen und das Leben zu genießen.

Die Zugfahrt von Luzern nach Lugano zeigte mir die schönste Landschaft, die ich je gesehen habe. Der Kanton Tessin ist das schönste Fleckchen Erde, das mir je begegnet ist, und ich bin ganz gut herumgekommen.

Als ich am späten Nachmittag in Lugano eintraf, war ich überwältigt von der Schönheit der Stadt.
Ich gönnte es mir, einmal am Abend essen zu gehen. Für „schlappe“ 35 Franken erhielt ich ein nicht zu umfangreiches, aber grandios schmeckendes Dinner.

Fazit zum Free State Project Europe

Ich bin sicher, dass die Idee an sich gut ist und funktionieren kann, wenn sich genügend Menschen finden, die das Projekt verstehen und mitmachen.

Genau da sehe ich auch das Problem. Immer noch verwechseln viele Menschen den freien Markt mit Protektionismus, Kapitalismus mit Feudalherrschaft, staatliche Gewalt mit „sozialer Umverteilung“, und projizieren Papas Beschützen auf den Staat.

Bis genügend Menschen psychologisch reif sind, mit Freiheit und Verantwortung wirklich umzugehen, wird wohl mindestens das Jahr 2500 anbrechen, eher das Jahr 3000.

Dennoch, die Freiheitsprojekte werden wieder ein klitzekleines Bisschen mehr Freiheit bringen, und viele Generationen später werden sie sich fragen, wie wir Dumpfbacken überhaupt darüber debattieren mussten, ob wir jemanden wegen KRANKHEIT (z.B. Drogensucht) in einen Käfig sperren oder wie wir zulassen konnten, dass uns die Früchte unserer Arbeit weggenommen werden, um in einem mehr oder weniger uneffektiven System zu versacken.

In diesem Sinne:

HAVE FUN!

Titelbild: Der Luganer See, saysay75

 

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Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.

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