Maßnahmen zur Gleichberechtigung

Dies ist ein Beitrag zu einer Blogparade, zu welcher Anne Nühm vom auschfrei-Blog aufgerufen hat. Ich schreibe hier nicht so sehr über Maßnahmen zur Gleichberechtigung; es ist mehr eine lose Meditation zu meinen Eindrücken zum Thema.

Subjektives Unterdrücktwerden

Obwohl es niemals jemand direkt zu mir sagte, wuchs ich auf mit der Botschaft, dass Frauen von Männern unterdrückt werden, dass Männer plumpe Gewalttäter sind und die Frauen ihre wehrlosen Opfer.

Meine Mutter sprach aber nie in dieser Weise. Sie machte auch meinen Vater nie schlecht. Im Gegenteil benannte sie ziemlich klar ihre eigenen Anteile am Scheitern der Ehe und erklärte sehr differenziert, wie sie versucht hatte, die Situation zu manipulieren. Sehr verantwortlich also.

Ich weiß also nicht, wo diese Ideen herkamen. Sie lagen irgendwie „in der Luft“, was natürlich Quatsch ist. Bisher (März 2018) weiß ich aber nicht, wie diese Konzepte Eingang in mein Gehirn fanden.

Ich wuchs auf mit der Botschaft, dass aller Sex Vergewaltigung ist, auch wenn die Frau die Initiative ergreift, auch wenn sie mir das Kondom überzieht und mich einführt, während ich nervös daliege und mich frage, ob ich mich schon bewegen darf. Alles Vergewaltigung von meiner Seite.

In jungen Jahren war ich dann auch niemals in der Lage, selbst sexuelle Initiative zu ergreifen. Ich wartete immer auf eindeutige Handlungen der Frauen. Die geschahen dann zu meiner Überraschung gar nicht mal so selten. Ich kriegte das gedanklich nicht zusammen damit, dass Frauen doch Sex verabscheuen und immer und ausschließlich leidende Opfer dabei sind. Ich dachte, die scheinen wirklich auf Leiden zu stehen und strengen sich ganz schön an, um lange und nachhaltig zu leiden.

Dann drückten sie meine Hände auf ihre Brüste und wanden sich stöhnend für eine halbe Stunde. So viel Enthusiasmus fürs Leiden!

Im Zuge des kollektiven Opferdaseins brachte ich auch ständig Dinge und Emotionen durcheinander. So interpretierte ich scherzhafte Bemerkungen als bösartige Angriffe und arbeitete wochenlang an umfangreichen Dossiers, um die Aussagen meines Angreifers zu wiederlegen. Schließlich konfrontierte ich die miese Drecksau, mit zitternder Stimme, rotem Gesicht, schwitzend und Tränen mit aller Gewalt unterdrückend, um ihr zu zeigen, dass sie unrecht hatte, mit einer langen Beweisliste.

Die Drecksau hatte aber inzwischen ihr völlig ausgeglichenes und normales Leben weiter geführt und längst vergessen, was sie irgendwann mal zu mir gesagt hatte.

Ebenso verwechselte ich Selbstsicherheit und Herrschsucht. Wenn jemand anders selbstsicherer auftrat als ich, konnte das ausschließlich nur zurückzuführen sein auf seine Plumpheit, eigene Schwächen nicht wahrzunehmen und den Wunsch, andere zu beherrschen.

Jemand konnte etwas besser als ich? Ein mieser unterdrückerischer gefühlloser Diktator!

Will sagen: Meine Wahrnehmung ist nicht zwingend in allen Fällen unfehlbar richtig. Und ich halte es für möglich, dass dies auch für andere Menschen so sein könnte.

Im Laufe meiner Dreißiger wurde das etwas besser, und in einigen Fällen wurde ich ziemlich initiativ, was zu einer großen Bandbreite an Ergebnissen führte. Das lag unter anderem an meiner Teilnahme am EVENT-Programm, das vor allem darauf abzielte, uns das Opferdasein nachhaltig auszutreiben.

Ungleichheit zwischen Männern und Frauen?

In meinem ersten längeren Vollzeitjob gab es zumindest von den beiden Chefs die explizite Aussage, die Frauen seien gut für die Fußarbeit, und die anspruchsvollen Aufgaben seien den Männern vorbehalten.

Ich fand das albern und gab den Mitarbeiterinnen, die das wollten, etwas Fortbildung in den anspruchsvolleren Aufgaben.

In dem Fall war das Ergebnis, dass die Frauen diese anspruchsvolleren Arbeiten tatsächlich besser und gründlicher erledigten als die beiden Chefs. Die Chefs erkannten das nie an, versuchten aber auch nicht, mich an meiner Mission zu hindern, machten keinerlei abfällige Bemerkungen dazu. Am Ende war es ganz normal, dass die Frauen auch die anspruchsvollen Arbeiten machten.

Arbeiten mit und unter Frauen

Eines meiner liebsten Controlling-Projekte, die Einführung eines Berichtswesens bei einem mittelgroßen Beratungsunternehmen, begann im Auftrag der Finanz-Vorständin. Die Dame grillte mich fachlich im ersten Interview. Sie war tougher, lebenserfahrener und auch schlauer als ich. Sie hatte diesen Job, weil sie sich hochgearbeitet hatte und unternehmerisch dachte und handelte.

Sie stellte mich an die Seite ihrer kaufmännischen Leiterin, die ich als mit mir gleichgestellt erlebte, was Kompetenz und Position anging.

Bei einem anderen Projekt wurde ich interviewt von der Controlling-Chefin und der Finanz-Chefin über ihr. Mit den beiden fühlte ich mich auch gleichberechtigt.

Für die Beurteilung der Kompetenz kommt es mir nicht darauf an, wie bei einem Menschen die Wasserleitungen verlegt sind, sondern auf die Kompetenz, so weit ich sie beurteilen kann.

Im Bereich Rechnungswesen erlebe ich Frauen oft als kompetenter als Männer, das ist meine subjektive Wahrnehmung.

Die Red-Pill-Leute werden mich jetzt als Blue Pill Beta bezeichnen. Das ist OK, vielleicht stimmt das. Ich habe allerdings nicht den Eindruck, von Frauen herumgeschubst zu werden. Ich habe dreimal in meinem Leben für ein Essen mit einer Frau bezahlt und dreimal Getränke ausgegeben. Mit 49 ist das ein Ergebnis, mit dem ich leben kann. Meine Ex behandelt mich respektvoll, und von dem, was als „Seestern-Pflicht-Sex“ bezeichnet wird, habe ich sehr wenig erlebt.

Gender Pay Gap?

Als Controller habe ich Einblick in Unternehmenzahlen, werde dazu aber nichts sagen.

DIE ZEIT kam in einer Studie zu dem Schluss, wenn man um Position, Stundenzahl und Berufserfahrung bereinigt, gibt es in Deutschland einen Gender Pay Gap von 5,5%. Die Zahl von 21%, die manchmal umhergeworfen wird, und gar 30% in den USA, ist eben NICHT bereinigt um diese Faktoren, und deshalb aussagelos. Ich bin erstaunt, wie ansonsten kompetente Leute anfangen, herumzuwieseln, wenn sie darauf hingewiesen werden.

Interessanterweise veröffentlichte DIE ZEIT ein Jahr später einen kürzeren Artikel, in dem sie sogar 22% als Gender Pay Gap benennt.

Ich kann nicht beurteilen, ob die 5,5% korrekt sind und habe keinen Zugang zu den Rohdaten; ich weiß nicht mal, wie die Rohdaten sich zusammensetzen, wie diese erhoben wurden, usw.

Was mich betrifft, ich Blue Pill Beta Hippie Weichei, ich habe in meinem Mini-Unternehmen seinerzeit den Studentinnen mehr bezahlt als den Studenten, mit dem einfachen Grund, dass sie besser performten und schlicht schlauer waren. Bei den betreffenden Aufgaben war das einfach so.

Von anderen Seiten wird je nach Branche von sehr unterschiedlichen Pay Gaps gesprochen, teilweise mit Abweichungen in BEIDE Richtungen.

In der Porno-Branche der 1990er waren es ganz klar die Darstellerinnen, die deutlich höhere Honorare erhielten als männliche Darsteller.

In anderen Branchen ist es wahrscheinlich anders.

Stimmungsbilder einer nicht allzu großen Stichprobe

Als Dozent im Rechnungswesen habe ich jeden Monat ca. 15-20 neue Teilnehmer. Die Teilnehmer sind zu ca. 75% weiblich und über30, fast alle mit mehrjähriger Berufserfahrung. Im November 2017 begann ich, meine Gruppen nach ihrer Meinung zu 3 Themen zu befragen:

  • Finden Sie die Aufregung um „sexuelle Belästigung“, insbesondere im Kontext Harvey Weinstein, angemessen oder übertrieben?
  • Haben die Frauen hier den Eindruck, dass man ihnen weniger zutraut, nur weil Sie Frauen sind?
  • Erleben Sie es so, dass Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden als Männer?

#metoo

Mein Befremden zum Thema begann mit dem Interview einer Sängerin, die von einem Mitarbeiter der Plattenfirma gefragt wurde, ob sie mit ihm ein Getränk einnehmen würde, mit der klaren impliziten Hoffnung, dass sie danach noch mehr einnehmen würde.

Sie sagte nein, er ließ ab, brachte sie ins Hotel, schmollte nicht, machte keine abfällige Bemerkung, wünschte ihr einen schönen Abend, und das war’s. Dieser Mitarbeiter hatte keinerlei Macht über die Sängerin und keinen Einfluss auf ihre Karriere.

Sie bezeichnete dies später als „sexuelle Belästigung“.

Da fühlte ich meine Hutschnur etwas angespannt.

Da ich mich aber nicht als vollkommen oder allwissend wahrnehme, dachte ich, vielleicht übersehe ich da was. Also fragte ich meine Teilnehmerinnen.

Ziemlich einstimmiges Urteil: Da wird sehr viel übertrieben. Viele fanden sogar die Einladung von Harvey Weinstein zum gemeinsamen Duschen eher harmlos. Die Frauen konnten ja nein sagen. Den Versuch, Komplimente zu Hassverbrechen zu erklären, fanden viele schrecklich. Auch kleine ungeschickte Grabschereien fanden sie zwar lästig, aber nicht auf dem Niveau von Gewaltverbrechen.

Kompetenzvermutung

Als ich die Frage nach der Kompetenzvermutung stellte, ging es durch die Reihen wie ein elektrischer Schlag. Ganz klar, meinten die Frauen, ihnen wird weniger zugetraut, weil sie Frauen sind.

Nur ein Kurs zuckte darauf eher mit den Schultern. Nö, meinten sie. Ist gar nicht so. Interessanterweise war dies der fachlich ambitionierteste Kurs, 8 Frauen, 4 Männer. Eine Dame erklärte dann ausführlich, deutsche Kollegen hätten diese Haltung überhaupt nicht, auch polnische und ukrainische nicht. Eher die Herren ab Vorderem Orient südostwärts würden sie abwertend behandeln.

Das ist wohlgemerkt eine subjektive Einzelstimme; ich kann das nicht beurteilen.

Als ich recherchierte nach „gender biased inference of competency“, fand ich u.a. eine Studie, die durchaus Vorurteile in der Kompetenzvermutung fand, allerdings in BEIDE Richtungen.

subjektiver Pay Gap

Beim Pay Gap waren die Teilnehmerinnen sich einig: Frauen erhalten für die gleiche Arbeit weniger Geld. Viele nannten konkrete Beispiele.

Eine gänzlich nicht-repräsentative Meinung

2016 war ich noch mit meiner Frau zusammen, die einen gemessenen IQ von 130 hat (bei 2 unabhängigen Tests). Ich frage sie einmal, ob sie sich vom Patriarchat unterdrückt fühlte. Sie sah mich verwirrt an. „Was?“
„Das Patriarchat, das Dich unterdrückt und Deine Rechte aberkennt.“
Sie starrte mich an, als würde ich Klingonisch reden. „Wo ist denn hier ein Patriarchat?“ fragte sie. „Na, überall! Es umzingelt, manipuliert und unterdrückt Dich!“
„Nein, tut es nicht. Wenn überhaupt, dann sind es im Moment eher die Männer, die es schwerer haben.“

That’s my kind of girl.

Sie ist allerdings intelligenter, ausgeglichener und lebensklüger als die meisten Leute.

Der Bereich mit derzeit größter Ungleichheit: Falsche Anschuldigungen

Was mir als Angstneurotiker wirklich Sorgen bereitet, ist das Thema falscher Anschuldigungen.

Als Dozent verbringe ich keine Sekunde mit einer einzelnen Teilnehmerin im Raum. Wenn ich Nachhilfe gebe, passiert das entweder mit mehreren Personen oder per Skype oder an einem öffentlichen Ort, vorzugsweise mit Kameraüberwachung.

In Controlling-Projekten hatte ich seit 2015 zufällig nur mit Männern zu tun. Für künftige Projekte habe ich da jetzt (März 2018) noch keine Strategie.

Zwei Kollegen haben falsche Anschuldigungen erlebt. Beide haben gesagt, wenn sie nicht solches Glück gehabt hätten mit der Beweislage, wären sie dem Tribunal völlig hilflos ausgeliefert gewesen.

Höhepunkt für mich war in dem einen Fall, nachdem eindeutig bewiesen war, dass der Kollege zum angeblichen Tatzeitpunkt nicht mal im betreffenden Stockwerk war, beharrte sie darauf, er sei dort gewesen. Ihr Beweis? Sie hatte die schändliche Tat an einer jungen Frau in einer schamanischen Phantasiereise gesehen. Die junge Frau selbst hatte keinerlei Erinnerung daran, missbraucht worden zu sein.

Immerhin meinte die Beschuldigerin irgendwann, eine schamanische Phantasiereise sei vielleicht nicht die solideste Form der Beweisaufnahme, und entschuldigte sich bei meinem Kollegen.

Zum Fall Jörg Kachelmann z.B. gibt es eine Reihe widersprüchlicher Aussagen. Er selbst sagt, das Gericht wusste sehr früh, dass die Beweislage für ihn sprach, das Gericht erklärte, die Beweislage sei unklar. Neulich blätterte ich ins Buch einer Gerichtsmedizinerin hinein, deren Namen ich leider vergessen habe; sie schrieb, nach ihrer Meinung sein die Beweislage sehr deutlich entlastend für Kachelmann gewesen.

Karl Dall verbrachte immerhin ein paar Tage in Untersuchungshaft, beschuldigt von einer Frau, die so etwas nach Aussage anderer männlicher Prominenter mit ihnen auch gemacht hatte.

Was ist den Frauen passiert? So gut wie nichts.

Wenn ein Mann falsch beschuldigt wird, hat er derzeit (März 2018) nur die Chance, dass ordentlich ermittelt wird und dass die eingesetzten Psychologen einen vernünftigen Job machen. Andernfalls ist er erledigt.

Wenn er die Tat wirklich begangen hat, soll dies natürlich Konsequenzen haben. Wenn er die Tat aber NICHT begangen hat, und wenn dies klar bewiesen ist, sollten die Konsequenzen eher für die Falschbeschuldigerin eintreten.

Das ist aber nicht so.

Ich finde das schwerwiegender als 5,5% weniger Gehalt. Auch unangemessen, aber deutlich weniger schlimm.

Möglicherweise ist die Stimmung derzeit ein Echo auf eine Reihe von Richtigbeschuldigungen in früheren Jahrzehnten, wo die Frauen, denen tatsächlich Schlimmes widerfahren ist, nicht ernst genommen wurden und wo Taten, die wirklich stattgefunden hatten, ignoriert wurden. Das ist natürlich mindestens genau so schlimm.

Fazit zur Gleichberechtigung

Offensichtlich gibt es einen Gender Pay Gap. Wie hoch dieser genau tatsächlich ist und welche Ursachen daran in welchem Maße beteiligt sind, weiß ich nicht.

Auf der anderen Seite werden Frauen öfter zu Essen, Getränken und Reisen eingeladen und wurden in den letzten paar tausend Jahren weniger hemmungslos in Kriegen verheizt.

Zur Kompetenzvermutung wage ich kein Urteil.

Was Belästigung angeht, so finde ich die Aufregung in manchen Fällen übertrieben und sehe da eher einen Fall für Therapeuten als für die Justiz.

Was ich unakzeptabel finde, ist der Umgang mit Falschbeschuldigungen. Eventuell könnte es helfen, alte Fälle aufzuarbeiten, wo tatsächliche Opfer vom System ignoriert wurden und wo deren Schmerz zumindest anerkannt wird.

 

Bild: panajiotis

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Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.
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