Funktioniert es wirklich, ganz ohne Geld zu leben? Wird das Leben dadurch „besser“?

Um mit einer Legende als Erstes aufzuräumen: Manche behaupten, Geld sei die Wurzel aller Gewalt, und wenn man nur alle Zahlungsmittel abschafft (egal ob Edelmetall, Papiergeld oder Giralgeld), endete die Gewalt.

Ein kurzer Blick auf die Statistik zeigt, dass menschliche Gewalt in Zeiten des Tauschhandels insgesamt intensiver war als in den modernen Tagen des Giralgeldes. Diese Legende bleibt also Legende.

Auch in möglichen künftigen Zeiten der Geldlosigkeit wird es Lügen, Raub, körperliche Verletzungen und Mord geben.

Im Folgenden beschäftige ich mich mit den Fragen:

  • Welche Werte treiben die Menschen an, ein Leben ohne Geld zu wünschen?
  • Welche Beispiele für geldloses Leben gibt es?
  • Wie funktioniert geldloses Leben?
  • Welche Herausforderungen sind bisher noch nicht gemeistert?

Dazu im Speziellen:

Welche Werte treiben die Menschen an, ein Leben ohne Geld zu wünschen?

Konsum wird von vielen Menschen, gerade in den nordwestlichen Konsumgesellschaften, mehr und mehr als unbefriedigend empfunden.

Ungerechte Verteilung

Viele empfinden es als ungerecht, dass manche im Überfluss leben und manche in bitterer Armut.

Sie finden es absurd, dass an einer Stelle Lebensmittel weggeworfen werden, während andere nichts zu essen haben.

Die Verteilung der Einkommen wird als ungerecht wahrgenommen. Bei manchen hohen Gehältern ist nicht klar, welchen Mehrwert die Empfänger dieser Gehälter für die Gesellschaft erzeugen.

Gesundheitsschädliche Arbeit

Ein großer Teil moderner Arbeitsplätze wird als einseitig wahrgenommen. Reine Kopfarbeit vor dem Bildschirm ist nicht unbedingt gesund.

Bei einem Teil er Arbeit geht es darum, Umwelt zu zerstören oder überregulierende Vorschriften zu beachten.

Unabhängigkeit

Abhängig von Geld zu sein bedeutet, abhängig von anderen Menschen zu sein – vor allem unfreiwillig. Menschen hängen generell voneinander ab, aber wer kein Geld braucht, muss nicht von einem Chef abhängig sein, der ihn schlecht behandelt. Er muss sich nicht von Behörden gängeln lassen.

Welche Beispiele für geldloses Leben gibt es?

Meine erste Begegnung mit dem Konzept hatte ich in den 1990ern. Ich traf auf eine Gruppe, die ihren weiblichen Führungskräften einst die Aufgabe stellte, mit 10 DM von Deutschland nach Portugal zu trampen und wieder zurück. Da es sich dabei durchgehend um junge attraktive Frauen handelte, habe ich einen gewissen Verdacht, wie die das geschafft haben.

Geldlos durch die Welt

Ein erstaunliches Beispiel fand ich auf der Seite forwardtherevolution, wo 2 junge Männer von ihrer Reise rund um die Welt berichten, für die sie keinen Cent ausgeben.

Sie trampen, erhalten kostenlose Fährpassagen (während andere bezahlen), werden auf Segelbooten mitgenommen, schlafen unter freiem Himmel oder in besetzten Häusern (die mit Geld gebaut wurden), usw.

Sie durchkämmen Müllcontainer nach Essbarem und holen abgelaufene Lebensmittel von Supermärkten ab.

Andere Beispiele

Die Rentnerin Heidemarie Schwermer lebt seit vielen Jahren ohne Geld, ohne aber andere missionieren zu wollen.

Der junge Hamburger Philipp Hauschild lebt von 40 EUR pro Monat.

Raphael Fellmer lebt seit 2010 ohne Geld.

Der „Kreativwanderer“ Jonathan Ries zieht durch die Lande und tauscht seine künstlerische und kreative Arbeit gegen andere Leistungen.

Wie funktioniert geldloses Leben?

Vorweg: Ein tatsächlich gänzlich geldloses Leben ist in Deutschland nicht zu machen.

Es läuft immer wieder darauf hinaus, etwas gratis zu erhalten bzw. zu nutzen, für das andere bezahlt haben. Die betreffende Person lebt also mehr oder weniger ohne Geld, aber nur scheinbar, da sie von anderen abhängig ist, die weiterhin Geld benutzen.

Beim Abfall fällt etwas ab

Das scheinbar geldlose Leben ist in Deutschland ganz gut machbar, weil hier vieles weggeworfen wird, das noch einen hohen Wert hat.

Lebensmittel, die nach deutschem Recht Verfallsdaten haben müssen, werden weggeworfen, obwohl sie noch genießbar sind. Viele Menschen und auch karitative Einrichtungen haben erkannt, dass sie den Supermärkten sogar einen Gefallen tun, wenn sie diese Lebensmittel abholen, weil dies dem Markt Entsorgungskosten spart.

Auch nutzbare Kleidung, funktionierende Elektrogeräte, und mitunter sogar Rolex-Armbanduhren werden in den Müll geworfen.

Unbenutztes benutzen

Eine Art des alternativen Wohnens ist z.B., Wohnungen von Menschen zu hüten, die länger verreisen.

Außerdem wird viel getauscht, und vieles wird einfach verschenkt.

Was das geldlose Leben sehr unterstützt ist die Tatsache, dass, im Internet-Zeitalter Information in den meisten Teilen der Welt weitestgehend gratis ist. Man benötigt allerdings noch Elektrizität, um Zugang dazu zu erhalten, für die wiederum jemand bezahlt hat. Man benötigt auch ein Endgerät, für das jemand bezahlt hat.

Die Seite ohnegeld.net bietet diverse Vorschläge und Anregungen, wie man verschiedene Dinge des täglichen Lebens ohne Geld regeln kann.

Welche Herausforderungen sind bisher noch nicht gemeistert?

Krankenversicherung ohne Geld ist realistisch nicht zu machen. In Deutschland besteht noch (Stand: April 2015) KV-Pflicht für alle Bürger. Wer kein Einkommen hat, muss trotzdem zahlen.

Bezahlen ohne Gegenwert

Obwohl Schulmediziner nach meiner Erfahrung meistens mehr Schaden als Nutzen anrichten, und selbst wenn ich sie nicht nutzen will, muss ich zahlen.

Für zahnärztliche Behandlung – also den Teil, der etwas bringt – darf ich in vielen Fällen sogar extra zahlen!

Ebenso muss ich den Rundfunkbeitrag zahlen, für Programme, die ich nicht konsumiere und die mich Null interessieren.

Große Investitionen

Gerade für größere Anschaffungen und Investitionen brauchen wir ein Wertaufbewahrungsmittel, in dem Werte angespart und schließlich investiert werden können. Infrastruktur wie das Straßennetz, Schulen usw. muss in irgendeiner Weise finanziert werden.

Langfristig wäre hier sicherlich ein System denkbar, in dem Tauscheinheiten angespart werden.

So lange die deutschen Steuergesetze noch gelten, ist das Tauschen problematisch (so weit es über gewöhnliche Nachbarschaftshilfe hinausgeht), insbesondere hinsichtlich der Umsatzsteuer.

Als Alternative formiert sich die Bewegung des Minimalismus, in welcher die Menschen versuchen, mit sehr wenig Geld zu leben.

Fazit

Wie bereits oben bemerkt, ein gänzlich geldloses Leben ist in Deutschland derzeit nicht machbar.
Ein weitgehender Verzicht auf Geld ist in vielen Ländern möglich. In Deutschland funktioniert es wegen der Überflussgesellschaft.

In manchen anderen Ländern ist es möglich, weil es wärmer ist und man wenig Geld für Heizung und Strom benötigt.

Die bisherigen Experimente mit Geldlosigkeit haben gezeigt, dass viele Menschen bereit sind zu teilen und ihren Überfluss abzugeben.

Solange dies freiwillig geschieht, sehe ich dabei auch keinerlei Problem.

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Bild: Yassine_Noamani

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Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.

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