Nachdem ich in meiner Eigenschaft als Controller zu dem Schluss gekommen war, dass Wohlstand nicht aus Geld kommt, fragte ich mich:

Ist „finanzielle Unabhängigkeit“ überhaupt ein sinnvolles Ziel?

In diesem Artikel gehe ich folgenden Fragen nach:

  1. Was bedeutet finanzielle Unabhängigkeit?
  2. Ist das ein sinnvolles Ziel?
  3. Lässt sich das erreichen?
  4. Gibt es eine sinnvolle Alternative?

Teil 1: Wie ist „finanzielle Unabhängigkeit“ definiert?

Die einen meinen mir „finanzieller Unabhängigkeit“ die weitgehende Abwesenheit finanzieller Probleme. Also, keine Fluten von Mahnbescheiden, keine Besuche des Gerichtsvollziehers, keine Schulden.

Andere meinen damit „passives“ Einkommen und „völlige“ Unabhängigkeit.

Oft wird das Bild vom „Unternehmer“ gezeichnet, der lässig in der Karibik auf einer Hängematte baumelt, während er ein „passives“ Einkommen erzielt.

Dieses Bild wird hauptsächlich von jenen gezeichnet, die Gebrauchsanweisungen verkaufen, wie man dieses „passive“ Einkommen generiert.

Und, wie oft tritt dieser Fall ein? So gut wie nie.

In anderen Artikeln habe ich mich damit beschäftigt, dass das „passive“ Einkommen sehr aktiv ist und dass „Tun, was ich liebe“ auch nicht immer funktioniert.

Teil 2: Ist finanzielle Unabhängigkeit ein sinnvolles Ziel?

Als Controller sage ich: Wer bei seinem Business nur aufs Geld guckt, wird nicht lange im Geschäft bleiben.

Andererseits: Wer bei seinem Business nie aufs Geld guckt, wird auch nicht lange im Geschäft bleiben.

Geld ist eine wichtige kurzfristige Betrachtungsweise des eigenen Wirtschaftens.

Mittelfristig ist die Frage wichtiger: Funktioniert mein Geschäftsmodell?

Und: Kein Geschäftsmodell hält für immer.

Deshalb ist langfristig wichtiger: Welche Infrastruktur habe ich aufgebaut und wie sieht mein Beziehungs-Netzwerk aus?

Mit guten, nicht-manipulativen, soliden Beziehungen zu kompetenten Menschen kann ich etwas Neues aufbauen, wenn das alte Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert.

Geld kann über Nacht komplett wertlos werden, wie es bereits viele Male in der Geschichte passiert ist.

Schon Voltaire wusste, dass Papiergeld null Wert hat.

Das moderne elektronische Giralgeld ist erst recht null wert.

Deshalb ist das reine Anhäufen von Geld keine kluge langfristige Strategie. Mindestens sollten solide Sachwerte dazu kommen. Besser noch, ich werde Teil eines Netzwerks, in dem Wertschöpfung stattfindet und in dem sich alle gegenseitig unterstützen.

Diese Netzwerke existieren seit langer Zeit, aus eben diesem Grund. Nicht alle davon handeln ausschließlich integer, das ist ja auch bekannt. Dann suche ich mir halt ein Netzwerk, das zu mir passt oder baue selbst eines auf.

In diesem Sinne erhält der Satz „Geld ist nicht alles“ eine neue Bedeutung. Geld ist tatsächlich im besten Fall ein vorübergehender Wertspeicher.

Worauf es ankommt, ist Wertschöpfung. Und der Wert wird dann mal in dieser, mal in jener Geldeinheit gespeichert.

Es kommt darauf an, Wohnmöglichkeiten und Beförderungsmöglichkeiten zu schaffen, Nahrungsmittel, Güter und Dienstleistungen. Das baut Wohlstand auf, nicht Geld.

Wie viel „Unabhängigkeit“ ist überhaupt möglich?

Wie „unabhängig“ kann ich denn sein?

Handle ich mit Waren, bin ich abhängig von meinen Lieferanten. Wenn die nichts liefern, kann ich nichts verkaufen.

In anderen Branchen bin ich abhängig von Material und/oder Vorleistungen durch andere. Kein Material, kein Endprodukt.

Lustig finde ich immer wieder die Idee, mit MLM (Multi Level Marketing) „unabhängig“ zu werden, mit einem einzigen Lieferanten. Sehr unabhängig! Was, wenn der seine Bedingungen ändert oder überlegene Konkurrenz bekommt? Und das passiert. Ist bisher (Stand: Juli 2017) mit so ziemlich jedem MLM-Anbieter passiert.

Ich brauche andere Menschen, die mir bei dem helfen, was ich nicht so gut kann, sei es eine Website, meine Steuern, rechtliche Fragen, Marktkenntnisse, usw.

Egal wie frei ich glaube zu sein, selbst wenn ich meine gesamte Infrastruktur selbst baue und alle Produktionsschritte selbst ausführe, bin ich doch immer noch abhängig von Kunden, die kaufen.

Gänzliche Unabhängigkeit geht also nicht, jedenfalls nicht durch Aufbau eines Unternehmens.

Sicherlich führt es zu etwas mehr Sicherheit, wenn ich mehrere Einkommensquellen habe.

Auf der anderen Seite besteht da wieder die Gefahr der Verzettelung. Schon so lange ich als Controller und Dozent unterwegs bin, leidet immer auf einer Seite die Qualität und die Weiterentwicklung.

Ein Blog mit Affiliate-Produkten oder digitalen Info-Produkten muss gepflegt werden und ist, wenn er genug einbringen soll, fast ein Vollzeit-Job. Die „vollständige Automatisierung“ findet nicht statt, da sich der Markt bewegt und da sich auch Gesetzgeber ständig neues Zeugs einfallen lassen, das Änderungen erfordert.

Teil 4: Sinnvolle Alternative zu finanzieller Unabhängigkeit?

Wenn Geld nicht das Zentrum ist und wenn völlige Unabhängigkeit nicht möglich ist, was ist dann ein sinnvolles Ziel?

Was bringt mir dauerhaft hohen Wert?

Mein Alternativvorschlag: Gesunde, ausgewogene Interdependenz

Ich habe das Glück, dass die Menschen, mit denen ich mich privat und in meinen Kooperationen umgebe, in hohem Maße kompetent und in höchstem Maße integer sind.

Sie verstehen die Idee des Netzwerkens und leben im „Kreis des Gebens“, wo wir uns gegenseitig kleine, mittlere und große Gefallen tun, ohne permanent aufs Beziehungskonto zu starren, ob es jetzt ausgeglichen ist.

Wir wissen, dass nicht jeder alles allein kann.

Und so helfen wir uns gegenseitig.

Wir helfen auch anderen außerhalb unseres direkten Netzwerks. Und, ja, es kommt vor, dass mal jemand nur Leistungen abgreift, ohne jemals etwas zurückzugeben. Dafür bekomme ich dann auch mal etwas geschenkt von jemandem, der nichts zurück haben will.

Wenn ich wirklichen, nicht nur behaupteten oder eingebildeten, Wert in die Welt gebe, werde ich mich immer versorgen können, sofern die Infrastruktur und Wertschöpfung um mich herum einigermaßen funktionieren.
Wenn wir sowieso voneinander abhängig sind, können wir das auch konstruktiv genießen.

Das erscheint mir realer als alle Schaumträume von „Unabhängigkeit“.

HAVE FUN!

 

Titelfoto: Mariamichelle

 

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Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.

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