Seasteading: Grenzenlose Freiheiten auf der See? Oder Spinnkram, der bei der nächsten Flut abgluckert?

Seit ein paar Jahren gibt es eine neue „Vision“, eine neue Idee für mehr menschliche Freiheit: Das Seasteading.

Auf den Ozeanen, die zwei Drittel der Erdoberfläche bedecken, sollen neue, fortschrittliche Inseln der Freiheit entstehen.

„Die einzige existierende Technologie, die sich im Moment nicht weiter entwickelt, sind Regierungen. Die Nationen auf dem Land wurden größtenteils durch Eroberer gegründet. Die Nationen auf den Ozeanen werden durch Kreative gegründet werden. Durch eine Vielzahl von Nationen wird es eine solche Konkurrenz unter den Regierungen geben, dass die Politiker gezwungen sein werden, etwas zu sein, was sie bisher nie waren: Diener des Volkes.“ (Joe Quirk)

Dieser Artikel befasst sich mit den Themen:

  • Was ist Seasteading?
  • Wer sind die Seasteader?
  • Welche Argumente sprechen für Seasteading?
  • Was sind die Herausforderungen und Risiken des Seasteading und wie werden diese angegangen?
  • Welche konkreten Projekte gibt es bereits?

Was ist Seasteading?

Der Begriff „Seenahme“ ist abgeleitet von der „Landnahme“ früherer Eroberer und Siedler, die sich auf einem Stück Land niederließen, begannen, dies zu nutzen und dann sagten „Das ist jetzt unsers!“

Ebenso will Seasteading Teile der Ozeane besiedeln.

Seasteading beinhaltet die Idee, neue Nationen auf den Ozeanen zu gründen, 200 Seemeilen (384 km) entfernt von Landgrenzen, außerhalb des Hoheitsanspruches existierender Staaten.

Ein anderes Modell ist, mit einem existierenden Nationalstaat einen Vertrag zu schließen und eine schwimmende Siedlung vor der Küste dieses Staates zu etablieren. Der Staat auf dem Festland soll dann von der fortgeschrittenen Technologie der Siedler profitieren und, je nach Größe der Siedlung, von dem Export an die Siedler.

Die Seasteads, also die Siedlungen, sollen verschiedene Formen annehmen, darunter zum Beispiel

  • Große und kleine Schiffe
  • Fest montierte Plattformen
  • Schwimmende, wellenabsobierende Plattformen
  • Siedlungen, die aus kleinen schwimmenden Privatinseln mit eigenem Antrieb bestehen, die wie ein Stecksystem zusammengefügt werden

Kann das funktionieren? Haben wir die Technologie dafür? Ist das nicht gefährlich?

„Schwimmende Wolkenkratzer“ in Form von Kreuzfahrtschiffen durchqueren bereits seit Jahrzehnten die Ozeane.

Ölbohrplattformen stehen mitten in stürmischer See und bieten Unterkünfte für zahlreiche Arbeiter.

Es wurde mit größeren schwimmenden Inseln experimentiert, die Wellenenergie absorbieren.

Wer sind die Seasteader?

Das Umfeld des Seasteading ist weitegehend libertär, anarcho-kapitalistisch und geprägt von der Österreichischen Schule der Ökonomie.

Demnach war es logisch, dass eine der ersten Plattformen, auf welcher Seasteading bekannter gemacht wurde, das Freedomain Radio von Stefan Molyneux war, der bereits im August 2011 den Seasteading Ambassador Charles Peralo interviewte.

Ebenso naheliegend war ein öffentlicher Vortrag im Free State Project in Keene, New Hampshire.

In den 2000er Jahren wurde das Seasteading Institute gegründet.

Die Public Speaker des Seasteading scheinen mir eine hohe fachliche Bildung zu besitzen (Ingenieure, Biologen, Professoren), ebenso eine hohe Intelligenz. Und, vor allem, was sie zum jetzigen Zeitpunkt (März 2017) von anderen Projekten unterscheidet wie Liberland oder dem Free State Project in der Schweiz: Es gibt konkrete Durchführungspläne und es sind reichlich Leute vorhanden, die bereits wissen, wie man ein größeres Projekt durchzieht.

Was mir beim Seasteading Institute außerdem sehr realistisch erscheint, ist deren eigene Einschätzung, dass das Etablieren schwimmender Nationen ein Projekt für mehrere Jahrzehnte ist, das in sehr kleinen Schritten voran gehen wird.

Einen großen Fortschritt hat das Institut erzielt durch eine hohe Spende und öffentliche Fürsprache durch paypal-Gründer Peter Thiel.

Welche Argumente sprechen für Seasteading?

Wie bereits im obigen Zitat von Joe Quirk erklärt, die „mentale Technologie“ der Regierungen macht seit Langem keine Fortschritte.

Ebenso wie der Verbrennungsmotor zwar immer besser geworden ist, aber grundsätzlich weiterhin auf der selben Technologie basiert, basieren alle Regierungen weiterhin auf dem Betriebssystem von mehr oder weniger subtiler Gewalt, die aber von den meisten Menschen entweder nicht wahrgenommen wird oder auf Grund einer angenommenen Notwendigkeit akzeptiert wird.

Auf dem Land wird es wahrscheinlich, wenn überhaupt, einen sehr langsamen Fortschritt geben. Ich persönlich schätze, genügend Menschen auch nur die Dumpfbackigkeit hinter sich gelassen haben, Menschen einzusperren, weil sie krank sind (z.B. Drogensucht), wird mindestens das Jahr 2500 anbrechen. Bis dann auch noch genügend Leute gemerkt haben, dass Gewalt gleich Gewalt ist (also A=A), dauert’s wohl nochmal 500 Jahre.

Seasteads bieten den Menschen, die bereits durch das Gewaltsystem hindurchsehen, eine Option, ihre Nationalstaaten zu verlassen und in kleinem Rahmen neue Systeme zu erproben.

Mikronationen gibt es ja bereits reichlich, von den international anerkannten die kleinste ist der Vatikan, daneben Monaco, Liechtenstein, Andorra und San Marino.

In einem Vortrag spricht Peter Thiel darüber, dass Seasteading vor allem deshalb wünschenswert ist, damit es mehr Nationen gibt, die in Konkurrenz zu den anderen Nationen stehen.

Kurzer Klugscheißer-Exkurs: Steuerbelastung

Thiel sagt, durch die Konkurrenz der Nationen sei die Steuerbelastung mit der Zunahme der Nationen kontinuierlich gesunken. Nach meiner Grobrecherche ist dies halb wahr. Die extrem hohen Einkommensteuern von einstmals um 90% in den USA sind tatsächlich gesunken; in Mitteleuropa sind die Abgabensätze seit 1955 eher etwas angestiegen, mit kleinen Aufs und Abs zwischendurch.

Ich beziehe hier die Abgaben zur Sozialversicherung mit ein. In manchen Staaten ist das Sozialsystem über Steuern finanziert, in anderen Staaten über Steuern, die man nur anders nennt. Deshalb ist ein Vergleich nur sinnvoll, wenn man die Sozialabgaben mit einbezieht, und zwar ausgehend vom Arbeitgeber-Brutto.

Und schon vorbei. Hat’s wehgetan?

Sicherlich, sofern sich die neuen Nationen in echter Konkurrenz befinden, werden sie um Bürger konkurrieren, und dann wird es auch Politiker geben müssen, die tatsächlich denken und echte Probleme lösen. Wenn sich von Leuten, die denken, genügend auftreiben lassen.

Nationen auf See werden für die ersten 100 Jahre auch nur von schlauen Leuten betrieben werden können, allein wegen der technologischen Herausforderungen.

Die Abwesenheit staatlicher Regulierungen ermöglicht gewagtere Experimente, die naturgemäß andererseits hohe Risiken mit sich bringen.

Welche Herausforderungen ergeben sich beim Seasteading und wie werden diese angegangen?

Bisher (Stand: März 2017) ist das Leben auf See teuer. Die Versorgung stammt größtenteils vom Festland.

Es gibt reichlich technische Probleme wie Elektrizitätsgewinnung, Heizung, Schutz vor Unwettern, Seebeben, Tsunamis und schlicht hohen Wellen aus mehreren Richtungen. Dazu kommt Korrosion durch die Seeluft und das aggressive Meerwasser. Und woher soll die Nahrung stammen? Wie sollen die Bürger der Siedlungen Geld verdienen?

Elektrizitätsgewinnung

Sofern die See-Siedlung vor eine gastgebenden Nation schwimmt, wird ein Teil der Elektrizitätsversorgung zunächst von dieser Nation stammen.

Unabhängigere Lösungen erfordern eine Weiterentwicklung von Sonnenkollektoren, Dynamos zur Nutzung der Meeresströmungen, eventuell Ausnutzung von ionischen Spannungen im Meerwasser selbst.

Schutz vor Sturm, Beben und Wellen

Die erste konkrete Siedlung ist vor Französisch-Polynesien geplant, eine Gegend, die in den letzten Jahrhunderten weitgehend von starken Beben und Stürmen verschont geblieben ist.

Siedlungen nahe der Küstenlinie können auf Konstruktionen gebaut werden wie das bewährte Modell der Bohrinseln.

Weiter draußen auf dem Ozean wird man sich einerseits eine ruhige Gegend suchen, andererseits Konstruktionen entwickeln müssen, die Schockwellen absorbieren.

Nahrungsgewinnung

Eine Idee sind schwimmende, vertikale (in die Tiefe gehende) Farmen mit Fisch- und Pflanzenzucht.

Manche Arten von Meeresalgen haben das Potenzial, eine ähnliche Rolle einzunehmen wie in Südostasien der Reis, aus dem man auch viele salzige, süße, matschige, körnige und feste Gerichte zubereiten kann, ebenso wie Essigsorten und Zuckerarten.

Geldverdienen und Ökonomie

Wirtschaften bedeutet, menschliche Probleme zu lösen. Und was uns bestimmt nirgends und nie ausgeht, sind subjektiv wahrgenommene Probleme.

Die Siedlungen können miteinander ebenso Geschäfte betreiben wie mit den Nationen auf dem Festland.

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Nationen mit ökonomischer Freiheit ihren Bürgern relativ schnell zu materiellem Wohlstand verhelfen, relativ egal, wie das Umfeld ist. Man vergleiche Hongkong mit Rest-China oder Singapur mit Malaysia.

Welche konkreten Projekte gibt es bereits?

Im Januar 2017 traf das Seasteading Institute eine Vereinbarung mit der Regierung von Französisch-Polynesien, vor der dortigen Küste ein Projekt zu starten: Schwimmende Inseln, die aber nicht der Hoheit der Regierung auf dem Festland unterstehen, sondern eine eigene Regierungsform schaffen.

Dies ist das bisher größte Projekt mit konkreten, spezifischen Plänen und bereits ausgearbeiteten Bau-Entwürfen, von dem ich bisher (15.03.2017) gehört habe.

Da die Seasteading-Kultur vorrangig von intelligenten Individualisten betrieben wird, sind möglicherweise mehrere weitere Projekte in der Mache, mindestens in der Planung.

Fazit zum Seasteading

Klingt das nicht alles zu schön, um wahr zu sein?

Vielleicht.

Ich bin vor allem nicht sicher, wie weit die Technologie WIRKLICH ist und was zum jetzigen Zeitpunkt machbar ist.

Wir werden es sehen oder auch nicht.

Auf jeden Fall: Die Idee gefällt mir sehr gut. Ich bin sehr gespannt auf das erste Projekt. Wenn das nicht klappen sollte, auf die 50 nächsten.

Irgendwann wird es möglich sein, ich bin nur noch nicht sicher, welcher Zeitraum realistisch ist.

HAVE FUN!

Bild: Mariamichelle

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Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.

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