Die erste Frage ist natürlich, was „Freiheit“ für mich überhaupt bedeutet.

Als ich 10 war, bedeutete Freiheit für mich, mich vor dem Geschirrspülen zu drücken.

Jetzt, mit 48 (Stand: August 2017) bedeutet Freiheit leider immer mehr, sagen zu dürfen, was ich will, ohne negative Konsequenzen zu erleben.

Sagen zu dürfen, dass Frauen andere Chromosomen haben als Männer und das Geld ausgegeben ist, nachdem man es ausgegeben hat.

Das Eine ist nämlich ganz mies sexistisch und das andere ist negativ und zerstört „Visionen“ und „Lebensträume“.

Viel Glück.

Was brauche ich, um freier zu sein? Wenn Freiheit bedeutet, eigene Entscheidungen zu treffen, ist Entscheidungsfähigkeit schon mal ein solider Anfang.

„Discipline equals freedom.“ (Jocko Willink, Navy SEAL)

Es ging mir so intensiv auf die Nerven!

Mein damaliger Mitbewohner, Hauptmieter der WG erzählte er mir dauernd, was ich tun sollte und wie.

Der Höhepunkt war, als er mir 5 Minuten lang ausführlich erklärte, wie man eine Tür korrekt schließt. Das ist kein Witz. Das ist wirklich passiert.

Wenn er keine derart wichtigen Themen vermittelte, redete er ununterbrochen über Ernährung und Gesundheit.

Zugegeben, seit ich mich weitgehend in der Weise ernähre, die er vorgeschlagen hat, bin ich nie wieder ernsthaft krank gewesen. Hatte ich früher 5 Grippen pro Jahr, waren es seit 1999 gerade mal 2, also bisher in 18 Jahren, das macht 0,1 Grippen pro Jahr, also einen dauerhaften Rückgang von 4.900% (Stand: August 2017),

Auch sonst besaß er den Elan, häufig unangemeldet in mein Zimmer zu kommen und zu großen Reden anzusetzen, wie ich mein Leben gestalten sollte.

Sprachrohr meines Unbewussten

Dummerweise war Einiges von dem, was er sagte, sehr wahr, und ich wusste, dass es besser für mich wäre, bestimmte Dinge zu tun.

Ich wusste, dass ich zuviel Geld ausgab und mich zu ungesund ernährte und mich zu wenig bewegte

Bei ein paar Dingen lag er daneben, aber im Allgemeinen hatte er ziemlich gute Ideen.

Trotzdem habe ich es gehasst.

Als ich 2016 zusah, wie ein alter Freund an Bauchspeicheldrüsenkrebs zugrunde ging, dachte ich, nächtliche rasende Schmerzen, Morphiumabhängigkeit, extreme körperliche Schwäche, über zwei Monate hinweg langsam verrecken, das wäre mir alles lieber als noch ein einziger zweiminütiger Vortrag über Ernährung.

„Das Schaf überwindet den Schäfer nicht, indem es gegen ihn revoltiert, sondern indem es ihn einfach verlässt.“ (Bert Hellinger, Therapeut)

Erst als ich selbst in der Lage war, genügend Verantwortung und Stärke aufzubringen, um mein Leben selbst zu regeln und in konstruktive Bahnen zu lenken, als ich die Dinge tat, von denen ich wusste, dass sie gut für mich sind, konnte ich einfach aufstehen und gehen.

Seitdem hat auch niemand mehr versucht, mich in ähnlicher Weise zu belehren.

Meine persönliche Diktatur

Als ich auf dem Gymnasium meine eigene Theatergruppe leitete, verkündete ich meine Strategie: „Mit schlauen Leuten mache ich Demokratie, mit dummen Leuten mache ich Diktatur.“

Ich fand das sehr sinnvoll. Meine Herangehensweise war, wenn jemand gute Ideen lieferte, nahm ich die dankend auf. Auf der anderen Seite setzte ich mich mit unpassenden Ideen nicht lange auseinander.

Ich konnte über die Zeit beweisen, dass ich wusste, auf welche Inhalte und Witze ein Publikum anspringt und auf welche nicht. So wurde meine Führung der Gruppe schließlich grummelnd akzeptiert.

Reifegrad und Freiheit

Bei allem Kindergarten-Zeugs, das Leute so treiben und bei all dem Unsinn, der geredet wird, erscheinen mir die meisten Kulturen des Nordwestens, Deutschland, Österreich, Schweiz, Großbritannien, Irland, als recht gereifte Kulturen.

Es gibt einigermaßen ausgewogene Machtverhältnisse, bei invasiven Eingriffen in das Leben der Bürger braucht es meistens die Zustimmung mehrerer Instanzen.

Die Bürger untereinander wenden im Allgemeinen wenig körperliche Gewalt an.

Diese Gesellschaften sind sehr frei. Sie können es sein, weil die Bürger willens und in der Lage sind, ein hohes Maß an Verantwortung zu übernehmen, für sich, für ihre Mitmenschen.

In meinem frühen Arbeitsleben fühlte ich mich sehr unterdrückt. Meine tollen Ideen wurden nicht umgesetzt, nicht einmal anerkannt.

Diese tollen Ideen hätten so manches Unternehmen ins Desaster geführt.

Und je mehr Kompetenz ich gewann, desto mehr Freiheit gab man mir.

Steuerberater ließen mich nach kurzer Zeit ihre Mandanten wirtschaftlich beraten, ich erhielt Zugang zu geheimsten Betriebsgeheimnissen und wurde mit heiklen Missionen betraut.

Je mehr Kompetenz, je mehr Verantwortung, desto mehr Freiheit.

Ein Teil unserer Freiheit wird bestimmt durch unser soziales und politisches Umfeld.

Wie frei wir innerhalb dieses Umfeldes manövrieren können / dürfen, entscheidet sich danach, wie viel Kompetenz wir erworben haben und wie viel Verantwortung wir übernehmen.

Bevor Du Dich das nächste Mal beklagst, wie unfrei Du bist, wirf mal einen Blick auf diese Faktoren.

HAVE FUN!

 

Titelfoto: Agnes Sowinska

 

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Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.

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