Auswandern nach Tschechien? Schwerpunkt Prag

Ist Tschechien ein lohnendes Auswanderungsziel für Unternehmer, Selbständige, Freelancer?

Auf meinem Radar erschien Tschechien wieder durch einen gewohnt hochwertigen Artikel von Christoph Heuermann auf staatenlos.ch, zum Thema der Trade License für Einzelunternehmer mit überschaubarem Umsatz, die eine im europäischen Vergleich niedrige Abgabenbelastung mit sich bringt.

Zum zweiten Mal tauchte Tschechien bei meinen Recherchen zu Coding-Bootcamps auf; in Prag gibt es ein sehr kostengünstiges Bootcamp für Web-Entwicklung.

Bier und Porno

 Gängiges Klischee von Tschechien: Alle trinken Bier und alle tschechischen Frauen unter 30 wirken in Porno-Videos mit.
Tatsächlich habe ich zahlreiche Saunen gefunden, wo Menschen in heißen Kübeln sitzen und Bier trinken.

Britische Touristen wirken am Biertrinken kräftig mit und kommen dann ab einer bestimmten Promillegrenze zu dem Schluss, dass die tschechischen Damen um sie herum nichts sehnlicher wünschen als einen Porno mit einem besoffenen Briten zu drehen.

Nach einem mehr satirischen Artikel ist jeder Mann heiß begehrt, der ehrlich sagen kann „Ich bin nicht besoffen und ich bin kein Brite.“

Ich persönlich mag kein Bier.

In meiner Jugend waren tschechische Filme besonders attraktiv, weil darin öfter als in anderen Filmen Nackte zu sehen waren. Nacktheit wurde in diesen Filmen wie selbstverständlich, geradezu nebensächlich behandelt. Nicht zuletzt war einer der ersten Filme mit Nacktheit überhaupt der 1933 veröffentlichte Film „Extase“ eine tschechische Produktion, die ich weder extatisch noch sonstwie aufregend fand.

Davor sahen wir natürlich Pan Tau, Lolek und Bolek und tschechische Märchenfilme.

Mein Onkel Willy, der anders als mein Vater in der DDR aufwachsen wollte, erklärte mir, dass fast alle Pornomagazine, die es in der DDR gab, aus Tschechien stammten. Die Branche hat dort also Tradition.

Wohin in Tschechien?

Als ernsthafte Optionen kommen für den deutschen Auswanderer zunächst 3 Orte in den Focus:

  1. Prag, weil zentral gelegen, weil Behörden in der Nähe, weil beste Infrastruktur, weil alle strategisch wichtigen Orte schnell erreichbar, Mieten immer noch günstig
  2. Plzen, weil wunderschöne Stadt, mit ausreichend guter Infrastruktur und günstigen Mieten, Lage immer noch OK
  3. Cheb / Eger, weil direkt neben Deutschland und zumindest nach Bayern* schnelle Verbindungen; allerdings gar nicht günstig bei den Mieten
    Für jemanden, der komplett remote arbeiten kann, ist natürlich jeder Ort geeignet, der ausreichend schnelles DSL hat.

Zuwanderung nach Tschechien

Gebäude in Plzen

Tschechien erlaubt nur sehr begrenzte und ausgewählte Zuwanderung von Menschen, die keine EU-Bürger sind. Aus diesem Grund erscheint das Land vielen als sehr attraktiv.

Noch ist mir nicht klar, welche Vorteile und Nachteile sich aus der massiven Zuwanderung nach Deutschland ergeben.

Ich wohne im Süden Hamburgs, erlebe aber überhaupt keine subjektiven Nachteile durch die Zuwanderung, jedenfalls nicht bis zum Dezember 2017.

An ausländischen Gesichtern habe ich hauptsächlich asiatische gesehen, die ich als chinesisch und vietnamesisch einschätze.

Kriminalität in Tschechien

Die allgemeine Kriminalität ist offenbar nicht besonders hoch. Wer die TV-Serie „Breaking Bad“ verfolgt hat, hat bereits eine Ahnung davon: Die Tatsache, dass Walter White mit Meth-Exporten nach Tschechien Millionen scheffelt, hat eine Grundlage in der Realität – in Tschechien gibt es besonders viele Abhängige von Crystal Meth. Dort gibt es auch eine hohe Anzahl eigener Labore. Die Ausgangsstoffe werden zum Teil lax kontrolliert, sind zum Teil sogar rezeptfrei erhältlich.

Straße in Plzen

Persönlich bin ich für die komplette Entkriminalisierung aller Drogen. Mir erscheint das portugiesische Modell als gut, in dem Drogenkonsumenten eine zwangsweise Drogenberatung erhalten, aber nicht bestraft werden.

In Tschechien wird der Besitz kleiner Drogenmengen nachsichtig bis gar nicht verfolgt. In einem kleinen Asia-Supermarkt fand ich sogar Schokolade mit Cannabis, die ganz offen verkauft wurde, von zwei verschiedenen Herstellern.

Es werden viele Autos aufgebrochen, insbesondere westeuropäische Modelle.

Das vorherrschende quasi-kriminelle Milieu, von dem ich mehrfach gelesen habe, scheint die Taxi-Branche zu sein. Auf pragtaxi gibt es dazu eine ganze Abhandlung. Bei meinem Besuch im Dezember 2017 habe ich deshalb auch Taxen vermieden.

Ich fühle mich derzeit subjektiv nicht sicher, z.B. mein Musikstudio in einer Prager Wohnung aufzubauen. Das ist rein subjektiv und könnte ohne jede Grundlage sein.

Waffenrecht in Tschechien

Einer der Punkte, die von manchen gerühmt werden, ist das tschechische Waffenrecht. Bürger dürfen, seit Mitte 2017 in der Verfassung garantiert, Handfeuerwaffen tragen. Dies wurde vom Parlament beschlossen mit einer erheblichen Mehrheit von 139:9.

Die tschechische Kultur ist also auf der Seite der Waffenträger. Die Verfassungsänderung ist unter anderem auch ein deutlicher Mittelfinger in Richtung EU, welche den Waffenbesitz erschweren wollte. Argumentiert wurde u.a. damit, dass durch Teile der EU-Politik die Sicherheitslage in der EU immer schlechter würde und dass die Bürger in der Lage sein sollen, sich selbst zu schützen, falls ein weiterer verirrter Geist auf komische Ideen kommt und einfach auf Leute schießt.

Für mich stellt sich die Frage: Bin ich mit einer Schusswaffe wirklich sicherer? Wenn ich denke, ich mit einer Handfeuerwaffe?

Obwohl ich als junger Teenager ein guter Schütze war, trainiert von meinem Stiefvater, meine Unkenntnis in der strategischen Handhabung von Feuerwaffen ist eine Zutat für ein garantiertes fulminantes Desaster. Wahrscheinlich würde ich einen Krieg auslösen oder zumindest eine Reihe kulturhistorischer Werte zerblasen, bis ich von der tschechischen Polizei über den Haufen geballert werde.

Das heißt, wenn ich eine Schusswaffe tragen würde, dann nur mit vorherigem strategischem Training.

Sprache

Astronomische Uhr im Stare Mesto, Praha

Tschechisch gehört zu den etwas schwierigeren Sprachen. Mit sieben Kasus und flektierenden Verben steht es sicher nicht auf der gleichen Stufe wie litauisch oder gar Navajo, ist aber deutlich schwieriger als z.B. Englisch oder Spanisch. Dazu kommen zahlreiche Subtilitäten, z.B. durch modifizierte Buchstaben mit akzentartigen Zeichen.

Tschechisch ist aber dicht an Russisch. Einem Perpetual Traveller würde ich raten, Russisch zu lernen und damit durch den Ostblock zu reisen, außer Polen, wo die Sprache noch ein Stück anders ist. Ja, Ukrainisch ist auch näher an Polnisch, aber in der Ukraine wird traditionell noch viel Russisch gesprochen.

Hier ein paar Beispiele für die phonetische Aussprache von Wörtern in beiden Sprachen, unter Verzicht auf das kyrillische Alphabet und tschechische Sonderzeichen. So entspricht das russische jabloko für Apfel dem tschechischen jablko, moloko für Milch entspricht mleko, Butter und Fisch, chleb> und ryba sind phonetisch identisch. Bitte und danke sind unterschiedlich, boschalusta und spassiba gegenüber proszim und djekuji, aber ich schätze nach grobem Überfliegen, dass etwa 60% der Worte sehr ähnlich bis gleich sind.

Personenverkehr

Für unternehmerisch Tätige ist natürlich wichtig, wie die Logistik vor Ort am Start ist.

Getting there and away

Wie schon andere bemerkt haben, Prag liegt mitten in Europa und ist mit seinem Bahnhof und Flughafen ausgezeichnet angebunden.

In etwas über 2 Stunden bin ich mit dem Zug in Dresden, mit dem Flieger kann ich noch schneller in Hamburg oder Frankfurt sein. Nach London geht es ebenso nonstop wie nach Budapest, Moskau, Warschau, Amsterdam, Paris oder Barcelona.

Getting around

Das öffentliche Verkehrsnetz ist ziemlich dicht, Trams, U-Bahnen und Busse fahren in engem Takt. Auf die U-Bahn habe ich auch an Feiertagen nie länger gewartet als 10 Minuten.

Meine Unterkunft von airbnb befand sich in der Prouzova, zwei Minuten von der U-Bahn Vysocanska der „gelben“ Linie. Damit war ich 7 Stationen vom Zentrum entfernt.

Güter und Dienstleistungen: You get what you pay for

Jemand hat geschätzt, dass die Lebenshaltung in Prag etwa 37% günstiger ist als in Westdeutschland.

Bier und Brezeln in Tschechien

Das mag sein. Nur ist die Qualität, würde ich sagen, auch um etwa 37% schwächer.

Alles ist dünner.

Die Wände in den Wohnungen sind dünner. Handtücher und Klopapier sind dünner. Die Fäden an den Teebeuteln sind dünner. Kabel, Zäune, Straßenbeläge, das Holz in der Sauna, alles dünner.

Um die Ecke von meiner Unterkunft befand sich ein Autohaus mit reichlich Ferrari und Lamborghini. Selbst der Lack auf diesen Autos kam mir etwas schlechter vor, aber das könnte Einbildung sein.

Für eine Stunde klassische Thai-Massage mit Öl habe ich 35 EUR bezahlt gegenüber 45 in Hamburg, aber die Räume waren nicht besonders schön, das Öl war etwas sämig, und das Handwerk war nicht so präzise wie bei den Masseurinnen z.B. bei Chokdee in Hamburg, wo ich öfter hingehe.

90 Minuten Sauna haben mich 12 EUR gekostet gegenüber 15 EUR in Hamburg, aber die Verkehrsanbindung war schlechter, die Isolierung gegen kalte Luft von außen war schwächer. Die Saunalandschaft fand ich schön und den Service sehr freundlich und gut. Den Pool fand ich genauso wie einen deutschen.

Auch wenn die Preise niedriger sind, finde ich das Preis-Leistungs-Verhältnis insgesamt in Hamburg besser.
Als ich 1990 mit einem Kumpel in Prag unterwegs war, waren die Preise für Unterkunft und Essen im Zentrum nicht so weit entfernt von denen in Deutschland.

Weit ab vom Zentrum hatten wir dann ein Mittagessen für umgerechnet 2 DM. Das ist wohl vorbei. Leider war während meines letzten Besuches außerhalb des Zentrums alles geschlossen.

La cuisine bohème

Was mich gewundert hat war, wie viele Kohlehydrate die Tschechen essen – Knödel, brotähnliche Beilagen, Kroketten, Kartoffelpuffer. Und niemand ist fett! Sehr wenig fette Tschechen.

Das Essen ist tendenziell fettig, sämig, teigig.

Sonderwünsche?

Das Warenangebot ist bereits vielseitig, aber es ist nicht auf dem Stand deutscher Supermärkte. Viele Waren sind erkennbar aus Deutschland importiert, teilweise mit deutschen Aufschriften ohne Übersetzung.

Wenn ich mit meinen Sonderwünschen daherkomme wie Schokolade mit Stevia oder Protein-Shake ohne Zucker und ohne Aspartam, wird es schwierig genug, diese Wünsche überhaupt jemandem verständlich zu machen, und kriegen werde ich so etwas wohl gar nicht. Rooibos-Tee in verschiedenen Aromen? Keine Chance.

Als ich mein Bahnticket für die Rückfahrt kaufen wollte, hatte ich meine BahnCard in der Unterkunft vergessen und bekam kein ermäßigtes Ticket. Und Automaten für Fernverkehr-Bahntickets gab es nicht, und das in der Hauptstadt des Landes!

Ein vereinbarter Termin wurde nicht eingehalten, das wurde mit einem Schulterzucken quittiert.

Es sind Kleinigkeiten wie diese, die mir jeden Tag den Unterschied zeigen. Mit 20 wäre mir das alles egal, aber im Galopp auf die 50 zu ist das eine andere Geschichte.

Böhmischer Stil und Chic

Schon im Sozialismus war Tschechien nicht grau. Prag ist farbig, innen und außen, in einem Stil, den ich irgendwo zwischen französisch, italienisch und österreichisch einordnen würde, kräftige Pastellfarben, vorrangig rötliche Töne.

Subjektive Eindrücke aus Prag, Tschechien

Das bunte Prag

Der Grund für meine Reise, über Weihnachten aus Deutschland abzuhauen, war emotionaler Natur, weil ich an den Festtagen nicht in den Scherben eines zerbrochenen Lebenstraumes stehen wollte.

Zu meiner Überraschung fühlte ich mich in Prag sehr wohl, außerordentlich gut und geradezu beschwingt, was für einen quasi-autistischen Griesgram wie mich eher ungewöhnlich ist.

Die Menschen erschienen mir sehr freundlich, hilfsbereit, offen. In einem Feinkostladen machte ich einen halbherzigen Versuch, die komatösen Reste meines Game wiederzubeleben und sprach mit einer überwältigend hübschen rotblonden Dame, die sehr freundlich war. Sie suchte eine Flasche Likör für ihre Großmutter. Den Witz mit der roten Mütze verstand sie dann nicht, und ich erklärte ihr, dass Rotkäppchen ein deutsches Märchen ist.

Ich finde die Stadt schön, auch wenn ich Tallinn und Krakau schöner fand.

Einen sehr guten Artikel zur Atmosphäre der Stadt mit tollen Fotos gibt es auf Lillies Diary.

Vorläufiges Fazit zum Auswandern nach Tschechien

Ja, die Steuerbelastung mag für Einzelunternehmer niedriger sein, aber die Infrastruktur, die man dafür bekommt, ist eben auch dünner. Die Steuerbelastung für Kapitalgesellschaften ist etwas höher, aber immer noch niedriger als als in Deutschland. Die Sozialversicherung für die meisten Arten von Beschäftigungsverhältnissen ist sehr hoch, für Freiberufller und Einzelunternehmer geringer.

Aber: Für 2018 sind nun zahlreiche Vergünstigungen bei den Abgaben gestrichen, so dass der Unterschied zu Deutschland zwar noch da ist, aber längst nicht mehr so groß wie vorher.

In Bulgarien ist die Steuerbelastung für alle Rechtsformen deutlich niedriger, in Rumänien sogar noch niedriger, aber dafür ist das organisierte Verbrechen dort richtig gut organisiert, gegenüber dem eher schlecht organisierten Verbrechen in Deutschland, und arbeitet mit den jeweiligen Innenbehörden zusammen. Irgendwie wollen die Polizisten ja auch bezahlt werden, und wenn es aus dem Steuersäckel zu wenig gibt, arbeitet man halt für Mafia-Strukturen.

FUCK!

Am Ende des Tages kommt Deutschland doch immer wieder als beste Wahl heraus, abgesehen von der Schweiz.

Nach meinem jetzigen Stand (Dezember 2017) ist Tschechien super geeignet als Standort für Freelancer, die eine gute Verkehrsanbindung brauchen und für jedes Remote-Business. Nach den Änderungen im Abgabenrecht 2018 lohnt es sich fast nur noch für die Anfangsphase eines Business mit einem Umsatz bis ca. 40.000,00 EUR pro Jahr.

HAVE FUN!

  • Ja, OK, OK, die Direkt-Zugverbindung ist nach Nürnberg. Und Nürnberg ist Franken, NICHT Bayern, darauf wird dort sehr viel Wert gelegt. Alles klar? Franken, nicht Bayern. Ich hab’s kapiert. Nicht mehr hauen, OK?

 

 

Fotos:
Titelfoto: RalfGervink
Fotos aus Plzen: Mark Lampe
Flagge und Astronomische Uhr: openclipart
Bier und Brezeln: Anerma
Bunte Prager Straße: kirkandmimi

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Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.
Über Alexander 123 Artikel
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