Weiter führende Gedanken zum Thema Auswandern

Im Laufe des Jahres 2017 machte ich mir immer wieder Gedanken zu meinen Auswanderungsplänen. Ich hatte durchgängig das Gefühl, dass damit irgendetwas nicht stimmt. Irgendwie wollte ich, und irgendwie auch nicht.

Weshalb wollte ich überhaupt weg?

Meine eigene Motivation: Flucht

Meine eigene Motivation, Deutschland zu verlassen, wurde hauptsächlich angestoßen durch meine Angst, was in den nächsten Jahren, 2018-2022, aus dem Land wird, durch ungebremste Zuwanderung und zunehmende Überalterung, durch einen immer noch bestehenden kulturellen Konflikt zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland, durch eine Tendenz zu immer mehr Regulierung und Überwachung.

Ich fand auch die deutschen Steuern und Sozialabgaben hoch, und nach einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema fand ich sie immer noch hoch. Nach noch weiterer und tieferer Auseinandersetzung sehe ich das differenzierter.

Ja, die deutsche Bürokratie ist wirklich ausufernd. Für jemanden, der so pedantisch und steif ist wie ich, hat das aber durchaus Vorteile; diese Rigidität ist für mich wie ein natürliches Umfeld. Bei mehr Offenheit und Beweglichkeit fühle ich mich eher unsicher. Ich mag klare Regeln, die weitgehend eingehalten werden, auch wenn es viele Regeln sind.

Angst ist kein besonders produktiver Motivator

Außerdem nehme ich mich selbst überall hin mit, ebenso meine Neurosen und Projektionen und innere Abwehrmechanismen.

Auf diese Weise kann ich mir gleiche oder sehr ähnliche Probleme an jedem beliebigen Ort der Welt neu erschaffen.

Mit finanziellen Ängsten und wirtschaftlicher Selbstsabotage bin ich in einem Niedrigsteuerland genauso gekniffen wie bei höheren Steuern. Wenn ich unbewusst immer wieder für mein eigenes finanzielles Scheitern sorge, helfen mir auch die günstigsten äußeren Umstände wenig.

Flucht, die keine Flucht vor äußeren widrigen Umständen ist, sondern vor meinen eigenen Neurosen und Projektionen, wird nicht gelingen.

Sinnvolle Gründe fürs Auswandern

Für manche Situationen / Ziele macht Auswandern Sinn.

Wenn die wirtschaftliche Lage im eigenen Land katastrophal ist oder Krieg herrscht, werden viele versuchen, von dort wegzukommen.

Wer in der Top-Liga bestimmter Industrien / Branchen mitspielen will, hat in den Ballungszentren dieser Wirtschaftszweige ein reichhaltigeres Umfeld als daheim.

Wer ernsthaft in die Finanzbranche oder in die Börsenwirtschaft in aller Tiefe einsteigen will, der sollte in die City of London gehen oder nach New York City.

Wer tief eintauchen will in die Welt des Weins, den wird sein Weg zumindest eine Weile nach Frankreich führen.

In der vordersten Reihe der IT-Innovation arbeitet man im kalifornischen Silicon Valley oder in Tallinn in Estland.

Wer extrem hochqualifiziert im technischen Bereich ist und technische Innovationen voran bringen kann, hat gute Chancen in Liechtenstein, wo sehr eng spezialisierte Industriebetriebe angesiedelt sind, die mit weltweit höchster Qualität arbeiten.

Ist es woanders wirklich „besser“?

Was heißt „besser“? Im Hinblick auf was, verglichen womit?

Ich bin in meinem Leben viel herum gekommen und war oft überrascht, was alles, was in Deutschland ganz normal und alltäglich ist, viele andere Länder überhaupt nicht auf die Reihe bekommen.

Insbesondere die Qualität der Infrastruktur und der Gebäude. In vielen anderen Ländern sieht das sehr anders aus als bei uns.

Die meisten Bevölkerungen sind ärmer. Waren und Dienstleistungen sind teurer im Verhältnis zum Einkommen.

Rechtssicherheit, die in Deutschland weitgehend gegeben ist, existiert in vielen anderen Ländern gar nicht. Und, gar nicht so weit im Süden, in Spanien, wäre die Erklärung der Menschenrechte mal eine lohnende Lektüre für Polizisten.

Welche Länder kommen überhaupt als Flucht-Alternativen in Frage?

Nachdem ich in den Jahren 2015 bis 2017 durch mehrere Shortlists gegangen bin, habe ich für diesen Artikel 6 Länder ausgewählt, deren Vorteile und Nachteile ich mir nun genauer anschaue:

  1. Schweiz
  2. Liechtenstein
  3. Neuseeland
  4. Chile
  5. Philippinen
  6. Tschechien

Flucht-Kandidat 1: Die Schweiz

Matterhorn

Welches andere Land ist so schön wie die Schweiz?

Nach meinen wenigen kurzen Besuchen in der Schweiz finde ich immer noch, dass dieses das ästhetisch und landschaftlich schönste Land der Welt ist.

Ich stehe nun auch besonders auf Berge, Wald und Süßwasser, und von diesen hat die Schweiz reichlich.

Lugano fand ich so schön, dass es geradezu körperlich schmerzhaft war.

Die Wirtschaft funktioniert großartig, mit den hohen Einkommen vor Ort kann man sich die hohen Preise für Mieten, Essen usw. leisten. Infrastruktur und Warenqualität sind im internationalen Vergleich herausragend gut.

Es gibt weniger Regeln und Gesetze als in Deutschland, aber die vorhandenen Regeln werden strenger angewendet und härter durchgesetzt.

Steuern sind niedrig, Sozialabgaben ebenfalls. Dafür ist alles andere teuer.

Als Ausländer merke ich, dass ich Ausländer bin, stärker als in den meisten anderen Ländern der Welt. Bei aller schweizerischen Höflichkeit scheint eine mehr oder weniger subtile Ablehnung hindurch.

Flucht-Kandidat 2: Liechtenstein

Liechtenstein ist ein phantastisches Land, was die wirtschaftliche Freiheit angeht, aber es ist fast unmöglich, als Ausländer hinein zu gelangen, sofern man nicht erhebliche Summen investiert. Je nach Quelle vergibt Liechtenstein zwischen 60 und 70 permanente Einwanderungsberechtigungen pro Jahr; Info aus dem Jahre 2016.

Burg Liechtenstein

Das Fürstentum Liechtenstein ist ein größeres Dorf, und der Regierungssitz sieht aus wie eine Pension

Die subtile Ablehnung von Ausländern ist nach Berichten von Pendlern und Zuwanderern dort noch stärker ausgeprägt als in der Schweiz. Man kennt sich, man kennt den Stammbaum des Nachbarn bis 300 Jahre zurück. Man möchte unter sich bleiben.

Die Kultur ist sehr konservativ, und wer permanent einwandern will, soll auch eine über 15 Jahre währende „harmonische“ Ehe führen, was die ringsum lebende Dorfgemeinschaft bestätigen soll. Da sage ich doch: Viel Spaß!

Flucht-Kandidat 3: Neuseeland

Wie wir aus den Verfilmungen des „Herr der Ringe“ wissen, Neuseeland ist landschaftlich wunderschön.

Die Abgabenbelastung insgesamt ist im internationalen Vergleich niedrig.

aoraki

Neuseeland sieht der Schweiz an einigen Stellen ähnlich

Die Einstellung ist insgesamt locker und liberal. Selbst die Drogenpolitik ist, wenn auch unkonventionell, wohl die am wenigsten unmenschlich-schwachsinnige auf der Welt, dicht gefolgt von Portugal, wo man versucht, die schwachsinnige Unmenschlichkeit der meisten Länder auf andere Weise zu reduzieren.

Philosophie ist, jeder kann einen Angestellten-Job haben und ein eigenes Business auf der Seite.

Durch seine Lage ist Neuseeland auch militärisch weitgehend uninteressant.

Als Ausländer wird man wohl gut integriert, alle sind recht aufgeschlossen.

Und: Es liegt am Ende der Welt. Die Struktur der Lieferanten und Kunden wird eine ganz andere sein. Man darf sich an eine ganz andere Welt gewöhnen, die aber tendenziell wohl sehr freundlich ist.

Flucht-Kandidat 4: Chile

Chile tauchte auf meinem Radar vor allem auf durch das Projekt „Fort Galt“ in Valdivia.

torres del paine

Auch Chile ist an vielen Stellen wunderschön

Die Abgaben in Chile sind nicht so hoch wie in den meisten anderen Ländern, aber nach meinen Recherchen hat man eine Menge Ärgernisse mit einer Vielzahl anderer Behörden. Und die Arbeitsweise der Behörden ist möglicherweise besser als im übrigen Lateinamerika, erreicht aber wohl kaum die Effizienz und Geschwindigkeit von etwa Schweizer Behörden.

Chile bietet wunderschöne Landschaften, ein wirtschaftsfreundliches Umfeld, eine leicht erlernbare Landessprache (Spanisch ist wirklich einfach) und eine Vielzahl deutscher Einwanderer, die sich dort bereits seit Langem angesiedelt haben und die ihre Erfahrungen gerne teilen.

Flucht-Kandidat 5: Philippinen

Phillipines

Die Philippinen sehen an vielen Stellen aus wie das Paradies – sind es aber nicht

Tropisches Klima, paradiesische Strände, bunte Vögel, sensationell niedrige Preise: Die Philippinen, ein Inselreich aus tausenden von besiedelten Felsbrocken im Meer, sind wunderschön.

Dagegen regiert Staatsoberhaupt Duterte mit eiserner Hand und ist „tough-on-crime“, ein Modus, dessen Unwirksamkeit mehrfach statistisch erwiesen ist. Wer mit irgendetwas erwischt wird, was Staatsdiener irrtümlich für illegale Drogen halten, hat eine sehr ungemütliche Zeit vor sich.

Der Behördenkram auf den Philippinen ist nach Aussagen deutscher Einwanderer kompliziert und nervig. Ausländische Einkommen sind wohl abgabenfrei; wer aber im Land verdienen will, stößt auf extrem niedrige Löhne mit sehr hohen Abgaben.

Die Infrastruktur ist OK. Wer brauchbares Internet will, bleibt beschränkt auf Ballungszentren wie Manila und Angeles City.

Flucht-Kandidat 6: Tschechien

Tschechien erschien auf meine, Display aus zwei Richtungen: Ein gewohnt guter Artikel von Christoph Heuermann auf staatenlos.ch (über staatenlos hatten wir schon berichtet) und das Coding-Bootcamp in Prag, wo ich im Rahmen meiner eigenen

Karlsbrücke Prag

Karlsbrücke in Prag

Fortbildung hingehen könnte.

Tschechien bietet ein sehr günstiges abgabenrechtliches Regime für Einzelunternehmer, die eine günstige Kostenstruktur haben und einen Umsatz bis ca. 74.000,00 EUR (Stand: Oktober 2017). Da auch in Tschechien die Behörden noch nicht das schweizerische Effizienzniveau erreicht haben, sollte man sich zumindest in der ersten Phase in der Hauptstadt Prag niederlassen.

Aus Prag ist man relativ schnell in Dresden, Frankfurt am Main, Budapest, Wien, auch in London.

Prag ist also ein lohnender Standort für IT-Entwickler mit Kunden in westeuropäischen Ländern. Die Steuerersparnis kann allerdings auch zunichte gemacht werden durch Quellensteuern, die direkt im Land des Auftraggebers einbehalten werden. Das müsste man im Einzelfall recherchieren.

Flucht vor Steuern und Sozialabgaben

DISCLAIMER: Kein Bestandteil dieses Artikels stellt Steuerberatung dar und ersetzt auch nicht eine solche. Zu Steuerfragen sollte man jemanden befragen, der berufsrechtlich legitimiert ist, in Steuerfragen zu beraten, z.B. einen Steuerberater oder einen Fachanwalt.

Zunächst einmal: Wenn Du etwas von „niedrigen Steuern“ in einem Land liest, frage noch einmal nach den Sozialabgaben. Das sind Steuern, die nur anders genannt werden. In vielen Ländern sind die Steuern, die so genannt werden, niedrig, aber die Steuern, die Sozialabgaben genannt werden, sind dafür horrend.

Bei Steuern und Sozialabgaben kommt es wiederum nicht nur auf Prozentsätze an, sondern auch darauf, was alles besteuert wird und was nicht. In Deutschland kann man z.B. einige Entgeltbestandteile so gestalten, dass sie niedrigen oder keinen Abgaben unterliegen. So kann man die effektive Abgabenlast reduzieren, wenn man weiß, wie das Spiel gespielt wird. Hierzu wendet man sich sinnvollerweise an einen Steuerberater.

In der Schweiz sind die Abgaben niedrig, dafür ist so ziemlich alles andere teuer.

In anderen Ländern mit niedrigen Abgaben muss man dafür für alles Mögliche extra zahlen, was in Hochsteuerländern vom Staat abgedeckt wird. Teilweise werden auch Gelder von mafiösen Strukturen erpresst, an Orten, wo ich das nicht für möglich gehalten hätte, was mir aber von dort ansässigen Unternehmern erzählt wurde.

In manchen Ländern lässt einen zwar das Finanzamt weitgehen unbehelligt, aber dafür hat man Auseinandersetzungen mit mehreren anderen Behörden, die für jeden Vorgang des alltäglichen Lebens eine Gebühr für eine Genehmigung wollen.

Dazu kommt, dass man in der ersten Zeit in einem neuen Land noch nicht die Tricks kennt, die Schnäppchen und die Strategien zum Kostensparen.

Sibirien Juni

Sibirische Landschaft im Juni

Wo Steuern und Sozialabgaben zumindest im Jahre 2017 sehr niedrig sind, zu meiner großen Überraschung, ist Russland. Andererseits ist Russland unter vielen anderen Aspekten kein sehr attraktives Land. Nach Aussagen mehrerer Russen, die ich getroffen habe, sind alle Lebensbereiche im Jahre 2017 immer noch durchdrungen von Kriminalität und Korruption.

Die Qualität der Infrastruktur ist sehr gemischt; in den großen Städten funktioniert vieles recht gut, in Vororten und Dörfern ist es eher ärmlich bis katastrophal.

Landschaftlich ist Russland auch nicht besonders. Im riesigen Sibirien gibt es ein paar schöne Ecken.

Das ästhetisch Schönste an Sibirien sind die dortigen Tiger. Sollte man allerdings wirklich einem begegnen, währt der ästhetische Genuss recht kurz, und das Nächste ist eher ein Genuss auf Seiten des Tigers.

Tiger

Hungriger Tiger im Schnee

Fazit zu Auswandern / Flucht

Wie es aussieht, bleibe ich wohl erst einmal hier in Hamburg, Deutschland.

Bei allem Generve und Unsinn, den deutsche Steuern und deutsche Behörden mit sich bringen, finde ich Generve und Unsinn in anderen Ländern höher dosiert, mit den Ausnahmen Schweiz, Neuseeland und Liechtenstein, wobei ich bei unseren deutschsprachigen Nachbarn kein wohliges Gefühl des Willkommenseins verspüre.

Vielleicht ist die Abgabenlast in anderen Ländern niedriger, dafür muss ich mich an vieles andere gewöhnen, und das Steuerrecht ändert sich auch permanent.

HAVE FUN!

 

Fotos:

Titelbild: Clker-Free-Vector-Images

Foto vom Matterhorn, Schweiz: narya

Foto von der Burg Liechtenstein: markus53

Foto Aoraki, Neuseeland: kewl

Foto Torres del Paine, Chile: StockSnap

Foto Philippinen: AvidExplorer

Foto sibirische Landschaft: sergeiff

Foto Tiger: skeeze

 

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Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.