Alternative Unternehmensstandorte: Internationales Business

DISCLAIMER: Dieser Artikel beinhaltet keinerlei Steuerberatung oder Rechtsberatung und ersetzt auch nicht eine solche. Steuerthemen sollten mit einem Steuerberater besprochen werden, rechtliche Themen mit einem Rechtsanwalt. Ich biete keinerlei Leistungen dieser Art an. Alle Angaben sind ohne Gewähr und außerdem laufenden Änderungen unterworfen.

Wenn mir die Steuern in Deutschland zu hoch sind, wo kann ich sonst hingehen? Ist es woanders wirklich günstiger, oder ist das eine Täuschung?

In diesem Artikel schreibe ich aus der Sicht von jemandem wie mir, der sowohl als Freiberufler im mittelpreisigen Segment tätig ist als auch als Manager sehr kleiner Unternehmen bis 5 Mitarbeiter.

Naturgemäß sind die Möglichkeiten einer sehr kleinen Unternehmensstruktur andere als die eines Großunternehmens.

Was in solch kleinen Strukturen wie unserer z.B. nur sehr eingeschränkt funktioniert, sind einige „Steuersparmodelle“, wie das Verschieben von „Lizenzgewinnen“ etwa in die Niederlande, wo solche Gewinne sehr niedrig besteuert werden.

Ebenso wenig funktionieren Strukturen, bei denen man im Land des Unternehmens Arbeitsplätze finanzieren muss. Für einen Großkonzern Peanuts, für uns ein Viertel des Jahresgewinnes.

Auch andere Methoden der Gewinnverschiebung sind für ein Kleinstunternehmen nur sehr schwierig machbar. Auch die Steueranwälte, die dann für das Unternehmen argumentieren, kosten pro Tag mehr, als wir im Monat sparen könnten.

Verlagerung der Tätigkeit

Größtes organisatorisches Problem ist die Verlagerung der Tätigkeit.

Als Heizungsreparateur in Duisburg ist es schwer zu argumentieren, dass ich die Heizungsreparatur in der Schillerstraße auf Zypern durchgeführt habe.

Mit unserem vorwiegenden Präsenzunterricht und unseren Controlling-Projekten vor Ort, hauptsächlich in Deutschland, bekommen wir unsere Tätigkeit nicht glaubwürdig verlagert.

Bleibt in dem Fall nur eine Verschiebung der Gewinne, also indem Unternehmen in anderen Ländern uns Rechnungen schreiben, für Leistungen, die wir glaubwürdig in Anspruch genommen haben. Und die deutsche Finanzverwaltung erkennt Aufwandsrechnungen aus manchen Ländern nicht an.

Vieles sieht auf den ersten Blick gut aus, ist es aber nicht

Wie bereits in meinem Artikel über staatenlos.ch beschrieben, das Internet ist gepflastert mit Angeboten zur Gründung ausländischer Unternehmen, deren angebliche Vorteile dann relativ einseitig dargestellt werden.

Christoph Heuermann beleuchtet auf seiner Seite verschiedene Modelle sehr differenziert.

Die Hauptprobleme, die immer wieder übersehen werden, sind diese:

  1. Sozialabgaben
  2. Gewinnausschüttungen
  3. Residence

Was ich ausdrücklich NICHT betrachte, sind Umsatzsteuern, die für die meisten Unternehmen kein Kostenfaktor sind, sondern ein durchlaufender Posten.

Problem 1: Sozialabgaben

Fast jeder Staat der Welt verarscht seine Bürger dadurch, dass er den Abgaben verschiedene Namen gibt und die Erhebung der Abgaben so organisiert, dass der durchschnittliche fernsehbetäubte fußballglotzende Bürger nicht mitbekommt, wieviel ihm wirklich abgenommen wird.

Sozialabgaben sind Steuern, auch wenn sie anders heißen.

Und manche Staaten haben niedrige Einkommensteuern, aber horrende Sozialabgaben.

Wenn der Unternehmer mit einem sehr kleinen Unternehmen sich selbst ein Gehalt aus dem Unternehmen zahlen will, werden in fast allen Fällen Sozialabgaben fällig.

Und, was wichtig ist zu verstehen, wenn ich mir als Unternehmer ein Gehalt zahle, dann zahle ich natürlich sowohl den Arbeitnehmerbeitrag als auch den Arbeitgeberbeitrag der Sozialabgaben.

Für die Klugscheißer: Ja, als Mehrheitsbeteiligter kann man in Deutschland beides umgehen, braucht dann aber eine Krankenversicherung. In anderen Staaten wiederum geht das nicht.

Deshalb gehe ich in meinen weiteren Betrachtungen immer von den gesamten Sozialabgaben aus.

Und ich dachte, ich zahle wenig Einkommensteuer? Ja, vielleicht nur 12%, statt in Deutschland 20%. Aber dafür 50% Sozialabgaben, statt 39% in Deutschland. Zur genauen Berechnung dieser Abgaben in Deutschland siehe mein Tutorial zur Abgabenbelastung deutscher Arbeitnehmer.

Deshalb: Neben den Steuern auch die Sozialabgaben recherchieren! In manchen Staaten kann man diese durch private Krankenversicherung umgehen, in manchen anderen, z.B. Portugal, nicht (Stand: März 2017).

Estland ist attraktiv durch seine Nichtbesteuerung einbehaltener Gewinne (Stand: März 2017). Aber die Sozialabgaben sind ähnlich hoch wie in Deutschland.

Problem 2: Gewinnausschüttungen

Wenn ich mir als Unternehmer kein Gehalt zahlen will, sondern Gewinne ausschütten, wie ist die Besteuerung in dem Fall geregelt? Kriege ich das Geld aus dem Land heraus, mit welchen Schwierigkeiten kann ich rechnen, wenn ich das Geld nach Deutschland transferiere?

Problem 3: Residence

Um die abgabenrechtlichen Vorteile in einem anderen Land nutzen zu können, muss man in den meisten Fällen

  • dort wohnen
  • jemanden bezahlen, der als Teilhaber dort wohnt

Estland bietet eine e-Residency an, was aber dem Deutschen nichts nützt, wenn er weiterhin in Deutschland wohnt. Die elektronische Residenz genügt zwar den estnischen Behörden, aber nicht den deutschen.

Einige Staaten fordern keinen Wohnsitz, manche kontrollieren den Wohnsitz auch nicht.

Wenn man wiederum in einem anderen Staat wohnt als das Unternehmen, wird man eventuell dort steuerpflichtig.

Wer dauernd umherreist, muss eventuell in dem Land, in welchem er arbeitet, Quellensteuern entrichten.

Wirklich präzise Informationen schwer zu erhalten. Selbst viele Steuerberater sehen durch das Dickicht der Vorschriften nicht mehr hindurch.

Deshalb: Mehrfach informieren, mehrfach nachforschen, auf Aktualität der Informationen achten.

Man sollte auch die Probleme des neuen Wohnortes einschätzen können.

Wer ins falsche Land geht, freut sich vielleicht über die niedrige Einkommensteuer, sieht sich aber unversehens einem tätowierten Muskelberg gegenüber, der darum bittet, 25% des Gewinns zu erhalten, da er andernfalls leider seinen Emotionen freien Lauf lassen müsste.

Meine Vorauswahl für einen Unternehmensstandort umfasst diese Staaten:

  1. Irland
  2. Schweiz
  3. Estland
  4. Zusätzliche Optionen: Malta, Zypern und Ungarn

Mein nächstes Projekt ist der Aufbau eines IT-Unternehmens mit Partnern. Hierfür wird ein Standort in Südamerika, in Südostasien oder in den VAE eher nicht ernst genommen, und USA wollen wir nicht. Also müssen wir in Europa bleiben.

Nach einer monatelangen Vorauswahl haben wir ein paar Länder auf die Shortlist genommen.

 Option 1: Irland

Saftige grüne Weiden, wunderschöne Steilküsten, grüne Hügel, Zeugnisse keltischer Kultur, dabei eine moderne, recht solide Infrastruktur und noch vertretbare Preise für Lebensmittel und Mieten.

Größere Freiheit durch das Fehlen einengender Meldegesetze.

Unternehmenssteuern in Irland

Irland lockt mit einer Körperschaftsteuer von nur 12,5% (statt 15% in Deutschland) und keiner Gewerbesteuer (statt 7% bis 30% in Deutschland, durchschnittlich um 12%).
Klingt erstmal gut.

Wie sieht es mit den anderen Punkten aus?

Sozialabgaben in Irland

Ich fand es sehr schwierig, hierzu brauchbare Daten zu finden.

Der Arbeitgeber-Anteil, der auch fällig wird, wenn Sie sich selbst ein Gehalt aus dem Unternehmen zahlen, beträgt offenbar um 12% herum (statt knapp 20% wie in Deutschland), einen Arbeitnehmeranteil gibt es wohl um 2% herum (statt ca. 19% in Deutschland).

Anscheinend zahlen auch Selbständige Sozialbeiträge in Irland, aber nur um 3%. Es scheint auch eine Status-Prüfung der Sozialversicherung zu geben wie in Deutschland, bei der eingestuft wird, ob jemand als selbständig oder als angestellt zu betrachten ist.

Krankenversicherung ist im Sozialbeitrag nur als Grundversicherung enthalten. Die Krankheitsversorgung ist ähnlich miserabel in Großbritannien, selbst zahlen ist sehr teuer.

Nicht umsonst traf ich in der Zahnklinik in Budapest hauptsächlich Iren, Schotten, Deutsche und Norweger.

Gewinnausschüttung aus irischem Unternehmen

So weit für mich erkennbar, fällt bei einer Gewinnausschüttung eine Abgeltungsteuer von 20% an (statt 25% in Deutschland).

Residence in Irland

Um ein Unternehmen in Irland zu führen, ist die dauernde Anwesenheit mindestens einer natürlichen Person auf dem irischen Staatsgebiet nötig.

Man kann Direktoren in Dublin für ca. 400,00 EUR pro Monat mieten.

Zum Wohnen finde ich Irland attraktiv.

Die Mieten und Lebensmittel sind größtenteils ca. 5% teurer als in Deutschland, die Infrastruktur ist ganz OK.

 Option 2: Schweiz

Für meinen persönlichen Geschmack das schönste Land der Welt, und der einzige Staat, der mit einem grundlegenden Anflug von Intelligenz regiert wird.

Unternehmenssteuern in der Schweiz

Je nach Kanton schwanken die Unternehmenssteuern stark.

Es hat seinen Grund, dass zahlreiche internationale Unternehmen im Kanton Zug angesiedelt sind.

Dort sind alle Steuern am niedrigsten. Es gibt Freibeträge, die für deutsche Verhältnisse unvorstellbar lächerlich hoch sind, so dass selbst der gutsituierte Freiberufler bei einer effektiven Einkommensteuer um 1% landet.

Der freundliche Herr vom Unternehmensservice in Zug meinte, ich solle bei der Gestaltung der Gesellschaftsverträge aufpassen, dass ich nicht zu viele Abgaben zahle. Aus meiner Sicht als abgabenmäßig mittelstark gerupfter Deutscher fand ich das amüsant.

Die Strafen für Steuervergehen, die ich gelesen habe, sind absolut lächerlich niedrig; selbst Steuerhinterziehung wird nicht sehr hart bestraft, hauptsächlich mit Geldbußen. Ich sagte ja, der einzige Staat mit einem Anflug von Intelligenz.

Sozialabgaben in der Schweiz

Es fallen verschiedene Sozialabgaben an, die im Maximum um die 10% landen, die sich im Durchschnitt um 7,5% bewegen sollten.

Gewinnausschüttung in der Schweiz

Für die Schweizer Gewinnausschüttung gibt es sogar eine eigene Internetseite!

Bei der Ausschüttung ist zunächst eine „Verrechnungsteuer“ fällig, die allerdings im internationalen Vergleich sehr hoch ausfällt: 35% auf den Ausschüttungsbetrag. Diese wird dann wieder auf Gewinnsteuern angerechnet.

Wenn ich es richtig verstanden habe, scheint es in der Schweiz am günstigsten zu sein, sich selbst aus der Gesellschaft ein Gehalt zu zahlen.

Residence in der Schweiz

Auch in der Schweiz braucht man zur Führung eines Unternehmens eine dort ansässige natürliche Person. Direktoren kann man im Kanton Zug um die 500,00 EUR monatlich mieten.

Die Schweiz ist für mich das schönste Land der Welt, mit seinen Bergen und Seen.

Wie wir wissen, das Leben dort ist teuer. Wohnen im Kanton Zug beginnt, wenn man ganz viel Glück hat, auf der abgelegenen Seite des Zuger Sees für ein Zimmer bei tausend Fränkli monatlich. Zürich ist günstiger zum Wohnen, kostet aber geringfügig mehr Steuern.

Essen und Trinken ist teuer, aber größtenteils qualitativ besser als in Deutschland.

Deutsche und Ausländer allgemein sind in der Schweiz nicht beliebt. Man findet sich mit ihnen ab, aber sie gehören niemals dazu.

 Option 3: Estland

Estland ist besonders berühmt für die qualitativ beste digitale Infrastruktur der Welt.

Unternehmenssteuern in Estland

Die einzige wirklich attraktive Steuerregelung in Estland ist, dass nicht ausgeschüttete Gewinne von Kapitalgesellschaften überhaupt nicht besteuert werden.

Sozialabgaben in Estland

Die Sozialabgaben liegen effektiv um 35%.

Gewinnausschüttungen in Estland

Auf ausgeschüttete Gewinne fällt eine Abgeltungsteuer von 20% an (Stand: März 2017).

Allerdings: Nicht zu früh gefreut. Wenn der Unternehmer nicht in Estland wohnt, muss er eventuell die Differenz zum Steuersatz seines Wohnsitzstaates nachzahlen.

Residence in Estland

Estland bietet als erster Staat der Welt eine e-residency. Zum Gründen eines Unternehmens genügt dies. Dem estnischen Staat genügt dies auch als Residenz.

Den anderen Staaten genügt es aber nicht. Wer ein estnisches Unternehmen hat und in Deutschland wohnt, wird weiterhin an seinem deutschen Wohnsitz besteuert.

Das Leben ist Estland ist günstig, aber für deutsche Verhältnisse ist es ziemlich kalt.

Weitere Optionen

Drei weitere Staaten, die es aus verschiedenen Gründen auf unsere Shortlist geschafft hatten, waren Staaten, über die Christoph Heuermann ausführlicher berichtet: Malta, Zypern und Ungarn.

Malta prüfen wir derzeit noch, Zypern birgt für uns zu viel Risiko eines gewaltsamen Konfliktes, und in Ungarn haben sich die Sozialabgaben als sehr hoch erwiesen, außerdem sind wir nicht sicher, wie stabil die politische Lage dort ist.

Fazit zu internationalen Unternehmensformen für Kleinstunternehmen

Nachdem ich mich nun fast ein Jahr lang (Stand: März 2017) mit dem Thema befasst habe, komme ich zu dem Schluss, dass die Abgabenerleichterungen für die meisten internationalen Unternehmenskonstrukte hauptsächlich Kapitalausschüttungen von Investoren begünstigen. Es sollen ja auch Investoren ins Land geholt werden.

Der Freiberufler und das Kleinstunternehmen haben ein paar Gelegenheiten, aber nicht allzu viele, jedenfalls bei weitem nicht so viele wie die Investoren.

Das liegt vor allem an den Sozialabgaben, die natürliche Personen betreffen, aber die Kapitalgesellschaft als Ganzes natürlich nicht. Durch die Sozialabgaben werden die Steuerersparnisse stark relativiert.

Eine Gesamt-Abgabenbelastung von primär ca. 30% und effektiv ca. 40% lässt sich ohne allzu große Anstrengung erreichen, anstatt wie in Deutschland primär knapp 50% und effektiv ca. 56% (zu Details siehe mein Tutorial zur Arbeitnehmer-Belastung in Deutschland).

Natürlich ist die Abgabenbelastung nicht das einzige und wichtigste Kriterium bei der Standortwahl.
Eine wirkliche Steigerung der Lebensqualität ließe sich meines Erachtens in der Schweiz und in Irland erreichen.

HAVE FUN!

 

Länder-Illustrationen von openclipart

Titelbild von Gellinger

 

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Mike Märzhase

Hase und Berater bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Mike Märzhase ist Hase und Berater. Er ist schwer beeindruckt davon, wie dumm die Menschheit geblieben ist. Am liebsten mag er frische Demeter-Möhren und Basilikum-Blätter.
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