Freie Menschen bauen ein eigenes Ökotopia?

Bei meinen Recherchen zum Agorismus stieß ich neben vielen anderen Dingen auf das Free State Project im US-Bundesstaat New Hampshire.

Eine liberale Gemeinde

Ziel des Projektes ist es, 20.000 Freiheitsliebende dazu zu bewegen, in die Kleinstadt Keene in New Hampshire zu ziehen, um dort eine eigene Gemeinde aufzubauen. Als ich am 02.11.2015 auf den Blog schaute, wurde von 17.600 Teilnehmern berichtet, die zumindest die Absichtserklärung unterzeichnet haben, innerhalb von 5 Jahren in das Free State Project zu ziehen.

Gemeinsam ist allen Projektteilnehmern, dass sie einen Staat wollen, der lediglich die Rechte der Menschen auf Leben, Freiheit und Eigentum schützt – und sonst nichts weiter tut. Keine Regulierungen des privaten Lebens, keine künstlichen Einschränkungen des Wirtschaftens.

Insbesondere soll der Staat nicht ungefragt Steuergelder ausgeben, um anderswo Kriege zu führen, die weder ethischen noch wirtschaftlichen Gewinn für die Bürger bringen.

Einige verfolgen diese Ziele, indem sie sich in öffentliche Ämter wählen lassen. Im August 2015 waren 12 Mitglieder des Projektes bereits gewählt worden. Andere Libertäre lehnen jegliche Kooperation mit dem Staat vollständig ab.

Liberales Umfeld

Unter den US-Bundesstaaten ist New Hampshire der liberalste, der erste, der die Schwulenehe legal machte. Es gibt auch keinen Helmzwang für Motorradfahrer. Wer also sein Leben leichtsinnig riskieren will, dem ist dies erlaubt.

Da die Repräsentanten auf Staatebene nur ein Jahresgehalt von 100 US-Dollar beziehen, unverändert seit 1889, gibt es hier auch keine Karriere-Politiker; wer hier politisch tätig wird, tut dies aus Überzeugung, neben seinen sonstigen Tätigkeiten.

In der Verfassung von New Hampshire ist das Recht auf Revolution ausdrücklich verankert.

Außerdem ist New Hampshire reich an natürlichen Ressourcen und könnte sich theoretisch autonom versorgen.

Und die USA lassen so etwas zu?

Die Vorfahren der heutigen US-Politiker haben das Land schließlich unter mehr oder weniger großen Anstrengungen geklaut, in diesem Fall von den indianischen Ureinwohnern. (Manche von denen hatten es ihrerseits von anderen geklaut, manche waren friedliche Siedler auf leerer Fläche.) Sie sind heute darauf bedacht, es sich ihrerseits nicht mehr klauen zu lassen.

Während die politischen Repräsentanten der Gegend selbst das Projekt mehrheitlich zu unterstützen scheinen, gibt es erstes Gegrummel auf US-Bundesebene.

Im Forum des Projektes werden denn auch Themen zur Verteidigung diskutiert, auf sehr pragmatischer Ebene. Eine Diskussion, der ich folgte, lief tendenziell auf das Schweizer Modell hinaus, also eine freie Bürgermiliz.

Sollte sich natürlich die US Army ernsthaft entscheiden, Keene zu übernehmen, so wäre dies mit ein paar Splitterbomben aus der Luft in ein paar Minuten vorbereitet, und Bodentruppen würden die kläglichen Reste einsammeln.

Wahrscheinlicher ist, dass man die Gruppe gewähren lässt, solange sie nicht zu groß wird, und dann weitersieht.

Ökotopia im Eigenbau in Europa?

Inzwischen gibt es einen Anlauf in Europa, und zwar im Schweizer Kanton Ticino (Tessin). Zwischenzeitlich wurde auch eine Gründung auf Malta erwogen. Für Europäer ist Malta vermutlich die einfachere Option, da die Schweiz sehr teuer ist und es mit behördlichen Schwierigkeiten verbunden ist, sich dauerhaft dort niederzulassen.

Andererseits ist Malta in der EU.

Die Informationen zum europäischen Freistaatprojekt sind noch recht dünn.

Wie kann ich mitmachen?

Ich würde erst einmal eine sehr gründliche Recherche vorschlagen. Beim Projekt in New Hampshire gibt es dazu einen recht gut gefüllten Blog (Stand: November 2015).

Nach Sichtung mehrerer Vorträge auf youtube bin ich mir auch noch nicht sicher, auf wie soliden Füßen die ganze Sache steht. Bereits in dieser kleinen Gruppe gibt es viele verschiedene Ansätze. Vielleicht ist es praktikabel, all diese Ansätze friedlich nebeneinander existieren zu lassen, vielleicht nicht.

Die Entstehung reifer demokratischer Strukturen braucht Jahrzehnte, in der europäischen Geschichte Jahrtausende mit zahlreichen Aufs und Abs. Ob dies allein durch einen Willensakt machbar ist, wird sich vielleicht zeigen, vielleicht nicht.

Bei meinen eigenen Versuchen zur friedlichen Veränderung der Gesellschaft traf ich hauptsächlich auf spinnerte, völlig unrealistische Ideen, die nur zu anderen Arten von Unterdrückung führten, und auch meine eigenen Ideen liefen bestenfalls darauf hinaus, meine eigene Bequemlichkeit zu erhöhen.

Inzwischen wissen wir mehr darüber, wie Gemeinschaften und Gesellschaften sich formen, und vielleicht klappt die Sache.

Wer denn zu dem Schluss kommt, mitmachen zu wollen, der kann die Absichtserklärungen im amerikanischen oder europäischen Projekt unterzeichnen oder erst einmal Kontakt aufnehmen.

Bild: jill111

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Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.