Eine Stadt ohne Einkommensteuer und Umsatzsteuer, ohne unnötige bürokratische Vorschriften, ohne einen überdimensionierten Wasserkopf an Verwaltung? Wäre das etwas? Eines der Projekte in diese Richtung ist Liberstad in Norwegen.

Liberstad ist ein Projekt von John Holmesland und Sondre Bjellas (Sorry, ich habe die norwegischen Buchstabenattribute nicht hinbekommen).

Mitten in Norwegen, auf der Tjelland Farm, eine gute Autostunde nördlich von Kristiansand, soll eine „Freie Stadt“ entstehen, die so autonom wirtschaftet, wie es möglich ist, ihre eigene Infrastruktur und ihre eigene Jurisdiktion hat, ebenso wie ihre eigene Exekutive, insbesondere eigene Polizei.

Die noch kleine Stadt befindet sich im Eigentum eines Unternehmens, der Liberstad Drift A/S, und soll teilweise in das Eigentum von denen übergehen, die dort Grundstücke kaufen.

Im Februar 2017 hatte ich einen kurzen freundlichen Austausch mit einem der Gründer, John Holmesland.

Meine drängendste Frage an die Gründer war, wie wollten sie den Zugriff des norwegischen Staates verhindern? Da sich Liberstad auf norwegischem Staatsgebiet befindet, wie wollten sie den staatlichen Forderungen nach Steuern entgehen?

Der interne Markt

In Liberstad soll es einen internen Markt und eine interne Volkswirtschaft geben, separat von der norwegischen Volkswirtschaft. Der interne Markt soll, wenn ich es richtig verstanden habe, eine Art Tauschring sein mit eigener Währung. Innerhalb von Liberstad, in jener eigenen Währung, soll ein Austausch möglich sein, der gänzlich steuerfrei bleibt.

Ausgeschlossen vom internen Markt sollen alle Güter und Dienstleistungen sein, die im umgebenden norwegischen Staatsgebiet illegal sind.

Jeder Bewohner von Liberstad soll frei sein, unternehmerisch zu wirtschaften ohne bürokratische Kontrolle. Wer allerdings mit Entitäten außerhalb von Liberstad wirtschaftlich interagieren will, wird gezwungen sein, sich den dort geltenden Gesetzen zu unterwerfen, wird mindestens dem norwegischen Umsatzsteuergesetz unterworfen sein, und wahrscheinlich auch dem Einkommensteuergesetz.

Liberstad eignet sich also nicht zur Steuerflucht.

Naturgemäß wird der interne Markt zuerst sehr klein sein. Der Plan ist, diesen internen Markt mehr und mehr auszuweiten, wenn mehr Produkte und Dienstleistungen intern zur Verfügung gestellt werden.

redde caesari quae sunt caesaris (zitiert, laut manchen Quellen, nach Jesus von Nazareth)

Die Sichtweise der Gründer ist, dass die Währung der Norwegischen Krone Eigentum der norwegischen Regierung ist und dass auch Liberstad die Regeln der norwegischen Wirtschaft respektiert.

Dies, auch wenn die Gründer meinen, dass Norwegens Wirtschaftspolitik auf den Ansätzen von Keynes basiert, die sie für verwerflich, unehrlich und destruktiv halten.

Die interne Wirtschaftspolitik von Liberstad soll auf der Österreichischen Schule basieren.

Eigene Staats-Dienstleistungen

Jene Dienstleistungen, die sonst von Staaten zur Verfügung gestellt werden, mal mehr, mal weniger effektiv, sollen in Liberstad selbst produziert werden.

Für den internen Gebrauch wird es eine eigene Legislative geben mit wenigen einfachen Regeln, die auf einfachen Prinzipien beruhen (keine Initiierung von Gewalt, Einhalten von Abmachungen) und eine eigene Exekutive.

Die Infrastruktur für Elektrizität und Wasser soll intern aufgebaut werden und später auch umliegenden, norwegischen Kunden zur Verfügung gestellt werden.

Wenn ich es richtig verstanden habe, handelt es sich bei der ausgewählten Region um einen strukturschwachen Raum, dessen Infrastruktur noch nicht sehr gut ausgebaut ist. So hat Liberstad das Potenzial, zu einem regionalen Versorger zu werden.

Die Lage

Sofern die Fotos auf der Website repräsentativ sind, handelt es sich um eine wunderschöne Gegend, wie große Teile der norwegischen Landschaft wunderschön sind.

In der Gegend gibt es nach meinen oberflächlichen Recherchen im Februar 2017 nicht viel; die nächsten öffentlich gelisteten Übernachtungsmöglichkeiten sind in der Stadt Kristiansand, die immerhin einen Flughafen besitzt, der z.B. von Amsterdam aus nonstop angeflogen wird.

John Holmesland war so freundlich, mir eine Einstellung von Google Maps zu übersenden, auf welchen die Lage im Verhältnis zu Kristiansand dargestellt wird:

https://www.google.no/maps/dir/Kristiansand+Lufthavn,+Kristiansand/Tjelland,+Marnardal+kommune/@58.2712737,7.5477033,10z/data=!3m1!4b1!4m13!4m12!1m5!1m1!1s0x46380154809fb62f:0xac0aa9079b1da1c7!2m2!1d8.0837693!2d58.2038303!1m5!1m1!1s0x46383b6bdcba33c3:0xa8461cac3705cfa9!2m2!1d7.5503622!2d58.3588366

Leben in Norwegen?

Was die meisten bereits wissen: In Norwegen sind trotz hoher Steuern und Sozialabgaben die Nettogehälter deutlich höher als in Deutschland, und auch die Lebenshaltungskosten sind deutlich höher.

Die Natur ist überwältigend schön.

Norwegen ist eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt. Man kann tatsächlich den ganzen Tag herumlaufen, ohne irgendwem zu begegnen, was für Asperger-Patienten wie mich natürlich paradiesisch ist.

Der „Index for Economic Freedom“ ist eine Art Statistik-Seite, die anhand verschiedener Kriterien versucht zu bestimmen, wie wirtschaftlich frei die Staaten der Welt sind. Dort war Norwegen am 20.02.2017 auf Platz 25 von gelistet, direkt vor Deutschland auf Platz 26.

Insgesamt waren dort 180 Staaten gelistet. Zum Vergleich ein paar weitere Freiheits-Rankings: Hongkong 1, Schweiz 4, Estland 6, Uruguay 38, Thailand 55, Italien 79, Kenia 135, Vietnam 147, Nordkorea 180.

Stand des Projektes und Erfolgsaussichten

Am 20.02.2017 zeigte das Investment-Barometer auf der Website, dass von 150.000 sqm Land bereits 105.000 verkauft waren, also 70%. Deadline für den gesamten Verkauf sollte der 19. Mai 2017 sein.

Was die Grundstücksverkäufe angeht, so scheint das Projekt auf einem guten Weg zu sein. Insbesondere angesichts dessen, dass im Herbst 2016 gerade einmal 1% verkauft waren.

Ob es allerdings wirklich gelingt, mit einer solch winzigen Menge an freiheitsliebenden Siedlern den Einfluss eines gesamten Staates außen zu halten, wird sich zeigen.

Eine reife Struktur braucht reife Betreiber

Der youtube-User Kezyma hat eine ausgewogene und differenzierte Stellungnahme zu den drei bekanntesten libertären Projekten abgegeben: Liberstad, Liberland und das Free State Project in Keene, New Hampshire.

Kezyma meint, klar, keines der Projekte ist perfekt. Aber bis es genügend Menschen gibt, die psychologisch reif genug sind, in Freiheit und Respekt zusammen zu leben, das wird wohl zu meinen Lebzeiten (geboren 1969) nix mehr.

Ich schätze, bis ein ausreichender sehr kleiner Teil der Menschheit reif genug ist, Fakten in unagitierter Weise als Fakten zu diskutieren, ohne neurotische Ausflipper und vor allem eine kleine Anzahl, die nicht auf die neurotischen Ausflipper hereinfallen, wird mindestens das Jahr 2500 anbrechen.

Die genannten Projekte, ebenso wie das Free State Project in Ticino (Kanton Tessin in der italienischsprachigen Schweiz), sind unsere Chance, die Welt ein kleines bisschen mehr in Richtung Freiheit zu bewegen.

Denn Institutionen sind die eine Seite. Die andere Seite sind die Menschen, welche die Institutionen betreiben sollen. Um eine reife Institution zu betreiben, braucht es ein Mindestmaß an Reife bei den Menschen.

Bisheriger Fortschritt

Der moderne Westen hat in dieser Hinsicht bereits viel erreicht, und im Februar 2017 haben wir in großen Teilen der Erde Ausprägungen von Freiheit und Wohlstand, die noch vor 500 Jahren völlig außer Sichtweite lagen.

Fast jeder deutsche ALG2-Empfänger lebt in größerem Wohlstand und vor allem in besserer Hygiene und Gesundheit als der König von Frankreich um das Jahr 1700.

Im postindustriellen Nordwesten hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es nicht zu mehr Frieden und Wohlergehen für die Mehrheit führt, wenn man Konkurrenten einfach erschlägt und jede Meinungsverschiedenheit mit massiver Gewalt austrägt.

Dennoch basiert das politische Betriebssystem auch in Deutschland, Österreich oder Großbritannien, immer noch auf Androhung und Ausübung von Gewalt, wenn auch vorwiegend in subtiler Form.

Warum? Weil die Mehrheit der Menschen dies akzeptiert oder überhaupt nicht wahrnimmt.

Das Bürgertum hat irgendwann die Macht des Adels übernommen, weil es einerseits genug hatte von Unterdrückung, andererseits reif und entwickelt genug war, eine leistungsfähige Alternative anzubieten, die zumindest etwas weniger willkürlich war und die Egozentrik einer kleinen Gruppe ersetzt hat durch Egozentrik einer größeren Gruppe. So müssen mehr Interessen aufeinander abgestimmt werden, damit irgendetwas funktionieren kann.

Aber wann werden genug Menschen das gewaltsame Betriebssystem der Gegenwart erkennen? Wann werden sie reif genug sein, eine leistungsfähige Alternative aufzubauen? Wohl nicht so bald.

Die Stadt der Morgenröte

Der einzige Ort, der es meines Wissens wirklich geschafft hat, den staatlichen Einfluss sehr weitgehend draußen zu lassen, befindet sich ausgerechnet in Indien: Auroville.

Nach den Infos eines Besuchers, der im November 2016 dort war, ist die Stadt weitgehend politisch autonom, mit eigenen Regeln und weitgehend eigener Exekutive.

Doch auch in Auroville ist nicht alles Friede und Freude. Warum? Weil die Menschen das Kindergarten-Gezanke von draußen mitbringen. Bis dies durch Yoga und Meditation transformiert wird, dauert es wohl noch eine Weile.

Fazit zu Liberstad

Mein jetziger Plan ist, das Projekt im Mai 2017 zu besuchen und dann mal zu schauen. Um als Rentner in Norwegen zu angeln und zu jagen, könnte Liberstad ein reizvolles Ziel sein.

Nachtrag am 23.06.2017

Die Parzellen wurden zu 100% verkauft wie geplant. Liberstad ist etabliert am 01.06.2017 wie vorgesehen.

Es gibt eine Facebook-Interessengruppe zu Liberstad.

Mein Abstecher dorthin hat noch nicht stattgefunden. Hoffentlich schaffe ich es bald mal.

HAVE FUN!

Bild: jonduus

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (11 votes, average: 5,00 out of 5)
Loading...

Alexander

Controller, Dozent bei AME Fortbildung und Controlling UG (haftungsbeschränkt)
Seit 1998 freier Controller, seit 2010 zusätzlich als Dozent im Rechnungswesen unterwegs. Schreibt über alles Mögliche.

Letzte Artikel von Alexander (Alle anzeigen)